3.1. Die Bedeutung des ?redigers

£s ist prugrammatisch und signifikant, daß Spurgeun seine Homile- tik mit einer Abhandlung über die physische und geistliche Verfassung des Predigers beginnt. Ausgehend von lTim 4,16 beschreibt er den Predi- ger ganz klassisch als ein Werkzeug Gottes, mit dessen Hilfe dieser das Heil der Menschen wirken will. Der Prediger ist nach Spurgeons Ansicht für den reibungslosen Ablauf dieser Aktion verantwortlich, d. h. er muß sich in bester geistlicher Verfassung befinden und seine natürlichen Gaben in Ordnung halten. Sein Redeorgan muß also kräftig, sein Geist und Ge- müt müssen ausgebildet sein und in hiebe zu Christus brennen. Nicht die ^ulisch-universitäre Ausbildung, sondern neben bestimmten natürli- chen Anlagen ist vor allem die spirituelle Verfassung des Predigers sowie die Pflege derselben von entscheidender Bedeutung. Seinerzeit moderne und aktuelle Metaphern aufgreifend schreibt Spurgeon:

»Bücher und £inr؛chtungen und Anstalten sind nur in entfernter Weise Werkzeuge mei- nes heiligen Berufs; meine eigne Person - Geist, Seele und Leib - ist die mir zunächst liegende Maschinerie im heiligen Dienst«26.

Funktion und Aufgabe des Predigers ist demnach, wie eine gutgeölte Maschine das Wort Gottes zu verkündigen. Ausführlich und seinen he- sern und Leserinnen zur Mahnung spricht Spurgeon sodann über den Schaden, den die Verkündigung nimmt, wenn es dem Prediger an redneri- scher Kompetenz sowie an moralischer Integrität mangeln sollte. Im Bhck auf den letztgenannten Punkt ist Spurgeon der Hinweis wichtig, daß auch das Leben des Predigers eine Predigt sei und der Prediger es darum außer- halb der Kanzel nicht an der nötigen Contenance und Frömmigkeit fehlen lassen dürfe. Denn das vielleicht rechte Kanzelzeugnis verdirbt, sobald es durch den Lebenswandel des Predigers konterkariert wird^L

Ihr pastoraltheologischer Auftakt läßt den Kern dieser homiletischen Konzeption deutlich werden. In Übereinstimmung mit der puritanischen Homiletik und Pastoraltheologie^ i$t Spurgeon der festen Überzeugung, daß sowohl die Qualität als auch der Frfolg einer Predigt untrennbar und in erster Linie mit der spirituellen Verfassung des Predigers zusammen- hängen:

»Seid dessen eingedenk, daß, wenn ihr Prediger $eid, euer ganze$ Leben und be$onders eure ganze Wirksamkeit von der Kraft eurer Gottseligkeit abhängig sein wird. Wenn euer £ifer erschlafft, so werdet ihr nicht gut beten auf der Kanzel; ihr werdet noch

26 S^mrgeon, GuteWinke,■ Bd. I,s،2،

27 Spurgeon,GuteWinke,Bd.I,s.3f.

28 Vgl. Geduhn, Simplicitas, s. 73 f., sowie die Zueignung an den Leser in: Richard Baxter,

Der £vangelische Geistliche. £rmahnungen an Prediger, ihr Amt im Geist und in der Kraft des Herrn zu führen [= The Reformed Pastor, dt.]. Berlin 1834, s. 1 -1 2 [zweite Paginierung].

ه4ت

Alexander Bitzel

schlechter beten im Familieng©ttesdienst und am schlechtesten in eurem Studierzimmer. Wenn eure Seele abmagert, s© werden eure Zuhörer, ©hne zu wissen wie ©der warum, bemerken, daß eure öffentlichen Gebete wenig Segensreiches für sie enthalten; sie wer- den eure Unfruchtbarkeit vielleicht n©ch eher fühlen, als ihr sie selbst bemerkt. Jn zweiter Stelle werden eure Fredigten euren inneren Verfall verraten.Jhr mögt dann ebens© fein gewählte Wörter und ebens© gut ge©rdnete Sätze, wie v©rher, '

aber es wird ein fühlbarer Mangel an geistlicher Kraft herv©rtreten. آ م werdet euch ausreißen w©llen wie v©rdem, wie Sims©n that, aber ihr werdet finden, daß eure gr©ße Kraft von euch gewichen ist. £ure Gemeindeglieder werden die Alles durchdringende Abnahme eures geistlichen Lebens sehr bald in ihrem täglichen Umgange mit euch وق<<.gewahr werden

Nach Spurgeons Sicht der Dinge wird also eine gute und wirkungs- volle ?redigt allein durch den Glauben und die Gottseligkeit des ?redigers ermöglicht. Darum muß sich ein ?rediger vor, während und nach der ?redigt im permanenten Gebet, in der permanenten Zwiesprache mit Gott befinden. Aus diesem Grund fordert Spurgeon seine Hörer und Leser im- mer wieder dazu auf, sich betenderweise mit Leib und Seele ganz in die Sphäre Gottes zu begeben.

Dieser als unabdingbar bewerteten Gottesbeziehung oder Bekehrung des ?farrers widmet Spurgeon ein eigenes Kapitel seiner Homiletik. Dort handelt er recht ausführlich darüber, wie ein Mensch seine Bekehrung sowie die Begabung mit dem ?redigtcharisma feststellen könne. Drei An- Zeichen identifiziert er diesbezüglich. Einmal muß im prospektiven ?redi- ger ein überwältigendes Verlangen nach aktiver Verkündigung vorhanden sein. Zum anderen muß er über natürliche Anlagen zum Lernen und Leh- ren verfügen. Drittens bemerkt man die Bekehrung eines Predigers daran, ob sich infolge seiner Predigt Bekehrungen einstellen, ob also seine Ver- kündigung wirksam ist und so das Gottvertrauen des Predigers unter Be- weis stellt. Bei diesem letzten Kriterium stützt sich Spurgeon auf Jer ممت.£23,12

Nur ein Bekehrter kann demnach die Predigt ins Ziel führen, d. h. sie zur Auslöserin von Bekehrungen machen —prinzipielle Unverfügbar- keit des Geistes Gottes hin oder her. Die Dialektik der reformatorischen Homiletik, die darin besteht, daß man einerseits um die Souveränität des heiligen Geistes weiß, andererseits aber bestimmte Regeln formuliert, um die Verkündigung gehaltvoller und besser verstehbar zu machen und so einen Raum zu schaffen, in dem der Geist Gottes seine Wirkung entfalten kann31, löst Spurgeon auf, wenn er das Ergehen des Geistes Gottes kausal an den Glauben des Predigers bindet und diesem versichert, daß sich seine

.13.Spurgeon, Gute Winke, Bd. I, s وق

30 Spurge©n, Gute Winke, Bd. I, s.39.

31 Vgi. سآا©ل An$elm Steiger, Rhet©r؛ca $acra $eu bíblica, ]©hann Matthäu$ Meyfart

(1590—1642) und die Defizite der heutigen rhet©ti$chen H©milet؛k;ZThK 92 (1995), 517—558, hier: s.526 ff.؛ Birgit St©lt, Martin LuthersRhet©rik des Herzens(UTB 2141). Tübingen 2000, s.42ff.

 Charles Haddon Spurgeon 241

Verkündigung auf einer guten Bahn befindet und früher oder später gewiß Früchte in Form von Bekehrungen zeitigen wird, wenn auf ihm, dem Fre- diger, nur der Geist Gottes ruht. Und letzteres kann man nach Spurgeons Ansicht zweifelsfrei feststellen.

Spurgeon ist darum im Blick auf die Wirksamkeit der Fredigt außer- ordentlich optimistisch, jedenfalls viel optimistischer als seine theologi- sehen Ahnherren Luther und Calvin. Zwar sind auch diese mitsamt ihren orthodoxen Erben der Meinung, daß der Frediger für den ordnungsgemä- ßen Verkündigungsdienst verantwortlich ist. über den Erfolg der Verkün- digung entscheidet jedoch nach Ansicht der reformatorischen Homiletik allein Gott^. Freilich geht auch Spurgeon im Blick auf den Erfolg einer Fredigt nicht von einem Automatismus aus. Er rechnet durchaus nicht damit, daß ein frommer Prediger zwangsläufig eine Bekehrungspredigt hält, weiß er doch aus der Bibel nur zu gut, daß kein Mensch den Geist Gottes zwingen kann. Denn der Geist weht, wo er will. Dennoch hat Spurgeons Auffassung von der Wirksamkeit einer Predigt etwas mechani- stisches, i n s o f e r n er nicht müde wird zu betonen, daß ein bekehrter Ffar- rer früher oder später gewiß Bekehrungen bewirken könne. Ganz strikt definiert er den Glauben und die eifrige praxis pietatis des Fredigers als conditio sine qua non der praedicatio verbi divini.

Diese Ansichten erweisen Spurgeon als einen der puritanischen Pa- s t o r a h h e o l o g i e verpflichteten Theologen. Nicht umsonst gehörte einer der wichtigsten pastoraltheologischen Traktate des englischen Puritanismus, Richard Baxters Buch »The Reformed Pastor«, zu Spurgeons Lieblings- lektüre^A Drei zentrale Motive der puritanischen Tradition prägen Spur- geons Homiletik vor allem: einmal die Betonung der pietas des Fredigers und die Eorderung nach einer engagierten und unablässigen praxis pieta- tis sowie die Ansicht, daß man die persönliche Heiligung empirisch verifi- zieren k ö n n e t Außerdem ist Spurgeon genauso wie den Furitanern der Gedanke wichtig, daß es einer ganz disziplinierten und Strengen dispositio

32 Vgl. dazu etwa au$ der Zeit nach Luther: Aegidius Hunnius, COMMENTARIVS IN E?ISTOLAM BEATI PAULI APOSTOLI AD COLOSSENSES. Frankfurt am Main 1606, S. 91: »Salutarem efficaciam ministerij docemur n©n pendere a labore ministrorum verbi, quorum omnis opera luditur, nisi DEVS ipse coelesti sua virtute laboribus illorum benedicat. Idcirco. 1. Cor. 3. scribit Apostolus: Ego plantaui, Apollo rigauit, sed DEVS dedit incrementum« [Exemplar: Württembergische Landesbibliothek/Stuttgart: Theol. oct. 8684].

33 Vgl. Bacon, Spurgeon, s. 108 f.; in: Spurgeon, Gute Winke, Bd. I, s. 8 f., empfiehlt Spur- geon expressis und impressis verbis die genannte Baxterschrift seinen Lesern.

34 Vgl. Ronald j. Van der Molen, Providence as Mystery, Providence as Revelation: Puritan and Anglican Modifications of John Calvin’s Doctrine of Providence; Church History 47 (1978), S.27—47, vor allem: s.39—46; Kaspar von Greyerz, Der alltägliche Gott im 17.Jahrhundert. Zur religiös-konfessionellen Identität der englischen Puritaner, in: PuN16(1990), S. 11-30.

 

242 Alexander Bitzel

der Predigt bedürfe, um die Verkündigung zum Erfolg zu führen^. Die theologische Prägung durch den Puritanismus, die Spurgeon in einer frü- hen Phase seines Lebens erfahren hat, ist zeitlebens sein theologischer Bezugsrahmen geblieben^. Die für den Puritanismus charakteristische ׳Verschränkung von pietas und methodischer Praxis findet sich allenthal hen in Spurgeons Schriften.

3.2. Formale Aspekte der Predigt

Im Verlauf seiner Vorlesungen betont Spurgeon, daß eine Predigt nicht nur aus einem bekehrten Mund ergehen soll, sondern auch gewissen inhaltlichen und formalen Kriterien zu genügen hat, wenn sie ihr Ziel, nämlich die Bekehrung der Zuhörer, erreichen will. In Übereinstimmung mit der antiken sowie mit der klassischen englischen Rhetorik definiert Spurgeon das persuadere als Ziel einer guten Rede, bzw. Predigt^?. Dar- über hinaus gibt er viele und oft sehr präzise Tipps und Anregungen im Blick auf die Predigtpraxis. Spurgeons Predigten zeigen, daß er selbst seine formalhomiletischen Grundsätze durchweg in die Tat umgesetzt hat38. Das ist freilich nicht verwunderlich, da Spurgeons Homiletik ganz aus der Predigtpraxis heraus entwickelt wurde. Spurgeons »Lectures« sind keine Programmschrift, sondern Stehen am Ende einer langen Predi- gerkarriere und sind eine Zusammenfassung seiner reichen Erfahrungen und seiner im Lauft der Zeit profilierten theologischen Ansichten. Im folgenden werden zunächst die formalen Kriterien skizziert, denen eine Predigt nach Spurgeons Auffassung zu genügen hat, bevor die seiner Mei- nung nach zentralen inhaltlichen Aspekte der Verkündigung näher be- trachtet werden.

Im Stil der antiken Rhetorik39 kommen in Spurgeons Vorlesungen die fünf klassischen Produktionsstadien einer Rede zur Sprache^: die Fra- gen, wie man einen Stoff findet (invenrio), wie man ihn ordnet (dispositio) und ihm sprachlichen Ausdruck verleiht (elocutio); ebenso schärft Spur- geon seinen Lesern ein, sich die Predigt ins Gedächtnis einzuprägen (me- moria), bevor er auf Aspekte des Predigtvortrags (pronuntiatio) zu spre-

35 Vgl. Bacon, Spurgeon, s. 105.

36 Vgl. Horton Davie$, Worship, s.333 f.; Bacon, Spurgeon, s. 108 ت.ءء Geduhn, s؛mplicita$,

S. 77; Brian Stanley, Spurgeon, s. 2; Stalling$ Kruppa, Spurgeon, s. 19 ff; Slu؛)'$, Spur-

geon, S. 147ff.

37 Zu den antiken Zusam m enkängen vgl.: Gert Ueding, Bernd Steinbrink, Grundriß de!

Rhetorik. Geschichte, Technik, Methode. Stuttgart, Weimar, 3.Auflage, 1994, s.277— -zu Spurgeons Übereinstimmung mit der klassischen englischen Rhetorik vgl.: Ge ؛282 duhn, Simplicitas, s. 14f.

38 Vgl. Geduhn, Simplicitas, s. 121-259.

39 Vgl. Ueding, Steinbrink, Grundriß, s. 209-232.

.Spurgeon, Gute Winke, Bd. I, s.187ff م4

 Charle$ Haddon Spurgeon 243

chen kommt. Diese Beobaehtung zeigt, daß Spurgeon über eine profunde rhetorisehe Bildung verfügte**. Er hat die antiken Rhetoriker durchaus nicht eklektizistisch ausgewertet und nur dann herangezogen, wenn sie seine Ansichten unterstützten. Vielmehr hat er sie —trotz hüufiger rheto- rikfeindhcher Äußerungen*^ - intensiv studiert und verinnerlicht.

Zu den formalen Kriterien einer guten ?redigt: Etwas ironisch schreibt Spurgeon an einer Stelle, daß Gottes Geist auch durch einen schläfrig-langweiligen ?rediger wirken kann43. In jedem Fall ist es aber besser, einen gut gegliederten und allgemein verständlichen Text zu ha- ben, den man in einer rednerisch ansprechenden und packenden, mitunter humorvollen** Weise vorträgt. Neben einer klaren Gliederung legt Spur- geon besonderen Wert auf eine einfache Sprache, auf die locutio sim- plex45. Im Blick auf die elocutio der Predigt fordert er, daß ihre Einleitung nicht zu lang ausfällt*^, daß möglichst wenige Wiederholungen geboten werden*^ und die ganze Predigt nicht länger als 45 Minuten dauert*^. Im Blick auf die amplificado des Predigtinhaltes empfiehlt Spurgeon, zahlrei- che Illustrationen zu verwenden49. In dieser Sache solle man bei Jesus selbst in die Schule zu gehen und von ihm lernen, wie man Bilder, Gleich- nisse, Allegorien, Typologien und Anekdoten in die Predigt einfügt. Insbe- sondere den Allegorien traut Spurgeon zu, die Aufmerksamkeit der Prc- digthörer zu wecken und wach zu halten50. Als Regeln speziell für die Allegorese gibt er an, daß man sich ihrer maßvoll bedienen und sie nicht gewaltsam konstruieren soll. Die Allegorese darf auch nicht gegen den gesunden Menschenverstand verstoßen, wie er schreibt5*. Außerdem soll sie nicht den biblischen Text verdrehen, darf nicht effekthascherisch und nicht delikater Natur sein^Ä Persönliche Erfahrungen mit Gott und seiner Providenz darf der Prediger hingegen mitteilen53.

Spurgeons Empfehlungen im Blick auf den Predigtvortrag, im Blick auf die pronuntiatio der Predigt, lauten folgendermaßen: Unabdingbare

41 So auch: Geduhn, Simplicitas, s. 21—28. 42 Vgl. Geduhn, Simplicitas, s. 18 ff.

43 44

45 46 47 48 49 50 51

52 53

Spurgeun, Gute W inke, Bd. 11, s. 201.

Daß sich Spurgeon mit seiner Anregung, in der Predigt auch Humorvolles zu bringen, im scharfen Gegensatz zu seinen Predigerkollegen in anderen Kirchen befand, bemerkt: G eduhn, Sim plicitas, s. 34 f.

Vgl. Geduhn, Simplicitas, s. 20.

Spurgeon,Gute W inke, Bd. 1,s. 192. Spurgeon,Gute Winke, Bd. 1,s. 192. Spurgeon,Gute Winke, Bd. 1,s. 194. Spurgeon,Gute W inke, Bd. I, s. 197. Spurgeon,Gute Winke, Bd. 1,s. 137f.

Spurgeon, Gute W inke, Bd. 1, s. 138. Zu der zentralen Bedeutung, die Spurgeon der Menschenkenntnis des Predigers beimißt, vgl.: Geduhn, Simplicitas, s. 5 1 —57.

Spurgeon,Gute Winke, Bd. 1,s. 142 ff. Spurgeon,Gute Winke, Bd. 1,s. 144.

 

244 Alexander Bitzel

Voraussetzung eines guten Predigtvortrags ist, daß der Prediger begeistert ist von dem, was er verkündigt^. Unter der Voraussetzung, daß nach Spurgeons homiletischer Konzeption ohnehin nur derjenige predigen darf, der sich bekehrt weiß, sollte es einem Prediger in der Tat nicht allzu schwer fallen, Interesse und Begeisterung für den Gegenstand seiner Ver- kündigung aufzubringen. Der Prediger soll seine Hörer nach Spurgeons Ansicht spüren lassen, daß Gottes Evangelium aus ihm einen frohen und glücklichen Menschen gemacht hat55. Der Prediger soll den Zuhörern ein zur Nachahmung ermutigendes und zugleich überzeugendes Vorbild sein56. Was Spurgeon hier als Ideal vorschwebt, orientiert sich am vir bonus der klassischen Rhetorik, der als Person den Inhalt seiner Rede glaubhaft verkörpert und so die Richtigkeit des von ihm Gesagten durch seine körperliche Beredsamkeit unterstreicht^. Aufgabe eines solcherart begeisterten Predigers ist, seine Zuhörer aus ihrem Alltag herauszureißen, sie zu fesseln, sie zu unterhalten, zu belehren und zu erfreuen. Auch an diesem Punkt beweist Spurgeon seine Vertrautheit mit der klassischen Rhetorik, welche die Aufgabe einer guten Rede im docere^, movere und delectare sah59.

Die Zustimmung der Predigthörer zum Evangelium ist nach Spur- geon das Ziel der Predigt. Um dorthin zu gelangen, sollte der Prediger einerseits argumentativ verfahren. Mit Hilfe logischer Schlußfolgerungen sollte er versuchen, seine Hörer zu packen und für den Trost des Evangeh- ums zu begeistern. Ihren Verstand sollte er für Christus gewinnen, um so auch ihren Willen zu überwinden6°. Der Prediger muß andererseits um willen der Bekehrung seiner Zuhörer emotional und auch pathetisch wer- den6*. Notfalls soll er die Predigthörer unter Tränen auffordern, ihrer Erlösung durch Christus zuzustimmen^A Wichtig ist in diesem Zusam- menhang Spurgeons Ermahnung, daß ein Prediger nie distanziert, son- dern immer auf der Höhe des Textes predigen muß. Er sollte also nicht über einen Text, sondern den Text selbst —der Eigenbewegung des Textes folgend - predigen.

Für eine hervorragend geeignete Eehrerin der Predigtkunst hält Spur- geon die Straßenpredigt, zu deren Verteidigung gegenüber orthodoxen Kreisen der Church of England er zwei eigene Kapitel seines homileti-

54 55 56 57

58

59 60 61 62

Spurgeon,GuteWinke,Bd.I,s.4ff.undöfter$.

Spurgeon,Gute Winke,Bd. II, s.202.

Spurgeon,Gute W inke, Bd. I, s. 17f. und öfters.

Vgl. dazu Geduhn, Simplicitas, s. 72 f.; zu den antiken Zusammen^ngen vgl. wiederum:

Ueding, Steinbrink, Grundriß, s. 86 —89.

Zu Spurgeons Auffassung von der Bedeutung der doctrina in der ?redigt vgl.: Geduhn, Simplicitas, s. 48 ff.

Vgl. Ueding, Steinbrink, Grundriß, s. 277-282.

Spurgeon, Gute Winke, Bd. I, s. 95 ff., sowie: Bd. II, s. 196 f.

.؛<· 57-65 ,Vgl. Geduhn, Simplicitas

Spurgeon, Gute Winke, Bd. II, s. 197 f.

Charles Haddon Spurgeon 245

- ت sehen Lehrbuehes aufwendet. Zunäehst bietet er einen Abriß der sehiebte der ?redigt unter freiem Himmel, in dem er u. a. nachweist, daß diese Form der Fredigt in protoevangelische Zeiten zurückreicht und schon von Henoch und Noa praktiziert wurde. Seine historischen Aus- führungen gipfeln in der Aussage, daß alle wesentlichen geistlichen Er- neuerungen und Aufbrüche der Kirchengeschichte mit Freiluftpredigten begonnen haben: »Es wäre leicht zu beweisen, daß die Belebung des reli- giösen Eebens, wenn nicht auf Straßen=Fred؛gt z^ückzuführen, so doch von ihr begleitet gewesen ist.<تة Diese legitimatorische Selbsteinschät- zung ist charakteristisch für nglo-amerikanische Erweckungsprediger. Sie findet sich nicht nur bei Spurgeon, sondern auch bei Charles G. Finney und Dwight E. Moody^. Das große Selbstbewußtsein, mit dem Spurgeon und seine Erweckungskollegen predigen und unterrichten, wird hier deut- lieh.

Die Vorzüge und Chancen der Predigt unter freiem Himmel sieht Spurgeon darin, daß man mit ihr Menschen erreicht, die —aus welchen Gründen auch immer —nicht in die Kirche kommen. Die Gründe hierfür mögen vielfältig sein: Unlust, soziales Elend oder ekklesiogene Neurosen. Daneben lehrt die Straße, daß man abwechslungsreich predigen muß:

»Ein §roßer Teil von ?redigten $ind nicht ander$ zu definieren, als daß sie sehr wenig hei großer t^nge sagen; draußen geht das aber nicht, da müßt ihr etwas sagen und zu Ende damit kommen, und zu etwas andrem übergehen 1...1 »Mach’s kurz, alter Junge,« ist eine sehr häufige Ermahnung und ich wünsche, die Geber dieses Gratisrates könnten denselben in manchen Ebenezers und Zoars und andren Orten, welche langwindigen Reden geweiht sind, hören lassen [...] Auf der Straße muß man sehr lebhaft sein, viele Jllustrationen und Anekdoten anbringen, und auch einmal hier und da eine ungewöhn- liehe Bemerkung fallen lassen [...] Die Rede darf nicht ausgearbeitet und verwickelt sein, der zweite Teil muß nicht aus dem ersten hervorgehen, denn das Eublikum wech- seit, darum muß jeder Punkt in sich vollständig seim«63

Bemerkenswert ist, daß Spurgeon seine Zuhörer und Leser auffor- dert, soziale Brennpunkte nicht zu meiden und auch persönliche Risiken einzugehen. Im festen Vertrauen darauf, daß Gott seine Diener schon vor dem Ärgsten bewahren wird, schreibt er:

»Noch nötiger ist eure Anwesenheit aber dort, wo ihr weniger in Gefahr seid, die Vorübergehenden aufzuhalten, als in Gefahr für euch selbst. Jch meine die Höfe und Gäßchen unsrer großen Städte, welche außerhalb der anständigen Passage liegen, wel- che niemandem, als der Polizei bekannt sind, und auch dieser hauptsächlich durch Wunden und Stöße [...] wir brauchen Erforscher dieser Höhlen [...] Helden des Kreu- zes: hier 1st ein Feld für euch, ruhmreicher, als einst Cid es vor sich sah, als sein tapferer Arm der Ungläubigen Heere schlug.«66

63 Spurgeon, Gute Winke, Bd. 11, s. 66.

64 Vgl. Peter van Rooden, The Concept of an International Revival Movement around

1800; im PuN 16 (1990), s. 155-172, hier: s. 155. 65 Spurgeon, Gute Winke, Bd. 11, s. 96.

66 Spurgeon, Gute Winke, Bd. 11, s. 94.

246 Alexander Bitzel

Dem großen spanischen Maurenbezwinger £ل Cid sollen es also die ?rediger aus Spurgeons Schule gleichtun und mit lauter Stimme und mit- reißenden Predigten den Unglauben aus den Stddten Englands und der ganzen Welt vertreiben. Nun sind es aber nicht nur die physische und spirituelle Ver؛assung des Predigers sowie die ausgefeilte Rhetorik der Pre- digt, die den gewünschten Bekehrungserfolg auf seiten der Zuhürer her- beiführen künnen. Auch inhaltlich muß eine Predigt, die etwas bewirken will, gewissen Standards genügen, wie Spurgeon betont.

3.3. Zum Predigtinhalt

Im Blick auf den Inhalt einer Predigt schreibt Spurgeon, daß jede Ranzelrede zunächst einmal Schriftauslegung zu sein hat und möglichst textnah den jeweiligen dogmatischen Skopos der gewählten Perikope dar- stellen muß^Z Predigt ist sodann Unterweisung. Sie muß Lehrinhalte ver- mitteln und darf sich nicht nur auf Appelle an die Herzen der Zuhörer beschränken^. Rationalismus und moderne Bibelkritik sind unbedingt zu vermeiden^؟. Der Prediger muß vielmehr die traditionelle, und das heißt für Spurgeon: die reformierte Dogmatik mitsamt ihren ethischen Konse- quenzen verkündigen und darf keinen Aspekt derselben verschweigenTM. Was Spurgeon unter Dogmatik versteht, ist freilich —im Vergleich mit den großen dogmatischen Systemen des Protestantismus im 17. Jh. — recht basalTM. Im Grunde beschränkt sich seine Dogmatik auf die Lehre von der menschlichen Erbsünde und Verderbtheit sowie auf die Lehre vom stellvertretenden Opfer, d. h. vom Versöhnungswerk Christi, das dem Menschen im Glauben angeeignet wird72. Damit zusammenhängend weiß Spurgeon von Gottes Gericht und Gerechtigkeit und von Gottes Liebe, die in Christus offenbar wird. Weiter differenziert und formuliert er sein dogmatisches System nicht aus. Es ist schwierig, Spurgeons Theo- logie systematisch klar zu erheben und zu positionieren. Er war Prediger und kein Dogmatiker73. Viele dogmatische loci wie etwa die Erwählungs- lehre durchdenkt Spurgeon nicht konsequent. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, daß die dogmatischen Elemente in Spurgeons Denken zum Lehrbestand der calvinistisch-puritanischen Tradition gehörenTM. Calvin

67 Spurgeon, Gute Winke, Bd. I, s. 98 ff.

68 Spurgeon, Gute Winke, Bd. I, s. 95 ff.

69 Spurgeon, Gute Winke, Bd. I, s. 105.

70 Spurgeon, Gute Winke, Bd. 1, s. 102£.

71 Zur Spurgeon$ Theologie vgl.: £rne$t w. Bacon, Spurgeon: Heir o£ the Puritan$. London

1967; Spangenberg, Theologie und Glauhe hei Spurgeon.

73 Spurgeon, Gute W inke, Bd. II, s. 191-194.

73 Einen Ver$uch, Spurgeons Theologie aus seinen Predigten zu erheben, unternimmt: Sluijs,

Spurgeon, s. 87-105.

74 Eine ausffihrliche theologische Positionierung Spurgeons zwischen strengem Calvinismus

und Modernismus findet sich bei: Sluijs, Spurgeon, s. 164-172.

Charles Haddon Spurgeon 247

und die großen Puritaner waren ihm die liebsten Theologen^. Als Baptist tendierte Spurgeon darum mehr zu den Partieular Baptists^, auch wenn sich die ursprüngliche theologische Differenz zwischen den Partieular und den General Baptists - hier eine klassisch calvinistische^, dort eine armi- nianisch geprägte Erwählungslehre^ - im England des 19.Jhs. weit- gehend abgeschliffen hatte und die theologische Annäherung beider bap- tistischen Eraktionen schließlich so weh ging, daß sie sich 1891 zur »Bap- tist Union of Great Britain and Ireland« zusammenschheßen konnten Spurgeon hat einerseits teil an diesem Prozess der Entkonfessionahsie- rung, andererseits opponiert er mit aller Macht gegen ihn. In der Tat ist seine Theologie calvinistischer als diejenige vieler seiner baptistischen Mitchristen. Bei genauerer Betrachtung ist sie aber in puncto dogmati- sehen Reichtums sowie im Blick auf die Prädestinationslehre80 vom klas- sischen Calvinismus relativ weit entfernt8^ Dennoch konnten die Zeitge- nossen in Spurgeon einen konservativen Calvinisten erkennen8^. Allein daß er von der Erbsünde sprach, reichte aus, um ihn dem calvinistisch- konfessionellen Lager zuzuordnen. Seine Sündenlehre brachte Spurgeon in scharfe Frontstellung gegen Deismus, Liberalismus und erst recht Ra- tionalismus^A Spurgeons fast monoman zu nennende theologische Kon- zentration auf Erbsünde und Christi Versöhnungswerk macht freilich deutlich, daß seine Theologie tiefer im Puritanismus als im klassischen Calvinismus wurzelt, oder präziser: Seine Theologie ist konsequent der spezifisch puritanischen Interpretation und Rezeption der calvinistischen Theologie verpflichtet. Ist doch die in Spurgeons Schriften leitmotivisch immer wiederkehrende, ausführliche Meditation der menschlichen Sünd-

75 Vgl. Sluijs, Spurgeon, s. 155 —160; naeh Sluijs, Spurgeon, s. 149, nannte Spurgeon aueh Calvin, den er sehr sehätzte, einen Puritaner.

76 Vgl. Sluijs, Spurgeon, s. 147.

77 Zu den Partieular oder Calvinistie Baptists vgl.: Underwood, History, s.56—62; B.R.

White, The English Baptists ؛٠ the Seventeenth Century [A History ءه the English Bap-

tists 1!. London 1983, S. 58-92.

78 Zur Entstehung und arminianischen Prägung der General Baptists vgl.: Underwood, His-

tory, S. 28—55؛ White, English Baptists, s.21-57; Michael R. Watts, The Dissenters.

Oxford 1978, s.41-50.

79 Vgl. Underwood, History, s. 210 ff.; John David Hughey, Rudol؛ Thaut, Art. Baptisten;

TRE 5 (1980), S. 1 9 0 - 1 7 و , hier: s. 192.

80 Zu Spurgeons Prädestinationslehre vgl. Sluijs, Spurgeon, s. 94-97.

81 Vgl. dazu auch: Sluijs, Spurgeon, s.164—172; nach Sluijs und ebenso nach Underwood,

History, 203ff., ist es dem Einfluß methodistischer Theologen wie Whitefield und den Wesleys zuzuschreiben, daß sich Spurgeon von charakteristischen calvinistischen Positio- nen entfernte, bzw. diese relativierte.

82 Vgl. Horton Davies, Worship, s.284 f.; der Umstand, daß Spurgeon in der Gesellschaft seiner Zeit als Calvinist wahrgenommen wurde, konnte nach Sluijs, Spurgeon, s. 150 ff., gleichwohl nicht verhindern, daß Spurgeon von den Hypercalvinisten und Strict-Baptists seiner Zeit wg. seiner Haltung in ?ragen der Prädestination angefeindet wurde.

83 Zu Spurgeons Polemik gegen die moderne Theologie vgl.: Geduhn, Simplicitas, s.33f.; Sluijs, Spurgeon, s. 162 ff.

248 Alexander Bitzel

haftigkeit eine kerausragende Eigenschaft puritanischer Frömmigkeit und Theologie. Man denke in diesem Zusammenhang nur an Thomas Brooks’ elenchtisc^eelsorglichen Traktat »Precious Remedies against Satan’s De- vices«84. Spurgeon war ein großer Ereund dieser Schrift8^. Mit den gro- ßen Puritanern ist er grundsätzlich darin eins, daß in der Predigt - ganz pragmatisch —nur diejenigen Eehren eingehend behandelt werden soll- ten, die am ehesten dazu geeignet sind, Menschen von der Liebe Gottes zu überzeugen und sie auf diese Weise zu bekehren8^. Darum bilden die Sündenlehre und die Lehre vom Versöhnungswerk Christi das unumstrit- tene Zentrum in Spurgeons Theologie und Predigt^. Diese Kernlehren malt er seinen Predigthörern unablässig und mit Hilfe verschiedenster homiletischer Amplifikationen vor Augen. Es geht Spurgeon hierbei im- mer darum, den Menschen zu zeigen, daß nur die Gnade Gottes und keinerlei menschliche Anstrengungen das Heil ermöglicht. Die Aufwei- chung dieser sola gratia These unter den Baptisten seiner Zeit trieb Spur- geon —unter anderem —aus der baptistischen Kirche, so wichtig war ihm diese zentrale Aussage der reformatorischen Theologie.

3.4. Zwischenergebnis

Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, daß Spurgeon ein Ken- ner der klassischen Rhetorik war, auch wenn er Wert und Nutzen der Redekunst nie hervorhebt, vielmehr oft mit antirhetorischen Äußerungen darauf aufmerksam machen möchte, daß Gottes Wort von sich aus und ohne menschliches Zutun wirksam zu sein vermag88. Des weiteren wurde deutlich, daß Spurgeons Homiletik —wie seine Theologie insgesamt — im Kern puritanischer Provenienz ist. Zugleich atmet diese Predigtlehre unübersehbar den Geist des 19. Jhs., insofern sie konset^ent pragmatisch und erfolgsorientiert ist. Spurgeons Fixiertheit auf den Bekehrungserfolg, darauf, daß eine Predigt unbedingt effektiv und seelengewinnend zu sein hat, ttitt den Lesern und Leserinnen seiner Predigtlehre allenthalben vor Augen. Daneben hat Spurgeons Homiletik pastoraltheologisch einiges zu

.bieten. An nicht wenigen Stellen versucht er, spezifische Nöte des Predi- gers seelsorglich aufzufangen. Dennoch gibt es gerade diesbezüglich bei Spurgeon gewisse Härten. Wenn etwa ein Prediger in Zweifel gerät im Blick auf seine persönliche Erlösung und Heiligung, solle er nach Spur- geons Auffassung sofort die Kanzel räumen, weil in solchen Eällen keine

84 Thomas Brooks, ?reoious Remedies against Satan’s Devices; in: Ders., The complete W orks, vol. 1. Bdinburgh 1866, s. 1-166.

.؛108 .Vgl. Bacon, Spurgeon, s 85

86 Vgl. Geduhn, Simplicitas, s. 47 ff.

87 Spurgeon, Gute Winke, Bd. 1, s. 103 —110, sowie: Bd. 11, s. 191 —194.

88 Vgl. Geduhn, Simplicitas, s. 18؛f.

Charle$ Haddon Spurgeon 249

Bekehrungen mehr zu erwarten $ind. Hier zeigt sieh vielleieht am deut- lichsten der Abstand zwischen der reformatorisehen Homiletik und Pa- storaltheologie auf der einen und Spurgeon auf der anderen Seite. Spur- geons Predigtlehre ist insofern ganz dem geistigen Pluidum des 19.Jhs. verpfliehtet, als sie mechanistiseh, quantitativ und ergebnisorientiert denkt89. Spurgeons Predigten und seine theoretische Reflexion über die Kanzelrede Stehen darum weniger in der reformatorisehen, als vielmehr in der Tradition der anglo-amerikanischen £rweckungsbewegungen9°. Die Frage, wie diese spezifisch erwecklerische Homiletik im Deutschland der Zeit aufgenommen wurde, soll im folgenden Thema sein.

4. Die Aufnahme der Homiletik Spurgeons in Deutschland

Ganz pauschal läßt sich sagen, daß Spurgeons Predigten und Homi- letik im deutschen sprachraum auf große Resonanz trafen. Nicht nur seine in unzähligen Einzeldrucken und Sammelausgaben erschienenen Predigten, auch seine Ratschläge für Prediger wurden unmittelbar nach ihrem Erscheinen ins Deutsche übersetzt, vielfach aufgelegt und als preis- wette Schriften verbreitet. In den großen praktisch-theologischen Hand- büchern der Zeit wird Spurgeon ebenso erwähnt wie in Homiletiklehr- büchern. Bereits dieser Befund zeigt, wie populär und einflußreich die deutschen Ausgaben seiner Texte gewesen sein müssen. Spurgeon hatte offenbar nicht nur in der angelsächsischen Welt, sondern auch im deutschsprachigen Europa viele Freunde. Er kann mit bestem Fug als ei- nes der wichtigsten Phänomene der neueren deutsch-englischen Kirchen- geschichte betrachtet werden.

Was der Neumünsteraner Pfarrer Weinreich anläßlich der Nachricht vom Tod des großen Predigers 1893 in der Zeitschrift »Hafte was du bist« schreibt, bringt die große Wertschätzung zum Ausdruck, die Spurgeon in der evangelischen Öffentlichkeit des wilhelminischen Deutschland entge- gengebracht wurde:

»Als die Naehricht von dem am 31. ]anuar 1893 erfolgten Tode des großen Baptisten- Predigers in London, Charles Haddon Spurgeon, durch die Zeitungen ging, wußten viele Tausende, daß die Kirche Jesu Christi einen Mann auf Erden eingebüßt hatte, der nach Menschenmeinung unersetzlich ist.«91

89 Vgl. van Rooden, Concept, s. 166 ff.

90 Was Spurgeon im Blick auf das Ziel der ?redigt schreibt, findet sich ühnlich auch in den

Schriften von Jonathan Edwards, John Wesley, Charles G.Finney oder Dwight L. Moody; vgl. zu den beiden letztgenannten: Ulrich Gäbler, »Auferstehungszeit«. Erwek- kungsprediger des 19.Jahrhunderts. München 1991, s. 11—28, 136-159.

91 Weinreich, C. H. Spurgeon; H ^ H 16 (18ر3و, s. 355- 369; 423-434; 462-472; 518- 528; hier: s. 356. Ebenso läßt sich A. Cordes in der »Christlichen Welt« vernehmen: »Mit Spurgeon [...] ist einer der Größten im Reiche Gottes geschieden.«: ٨٠ Cordes, Rez. C. H. Spurgeon, Der Glaube. Elberfeld o.j.; cw 7 (1893), Sp. 503.

 250 Alexander Bitzel

Im Fortgang der Untersuchung werden zunächst Stimmen zu Spur- geon aus dem kdemi^-theoiogischen Deutschland zu Wort kommen, bevor das breite Fcho skizziert wird, das Spurgeons Werk in theologi- sehen Fach- und Publikumszeitschriften fand92. Die Reihenfolge, in der die verschiedenen Rezeptionsfelder hier untersucht werden, soll nicht sug- gerieren, daß Spurgeons Finfluß in Deutschland in erster Finie der Auf- nähme seiner Werke im akademischen Bereich zu verdanken wäre. Spur- geons großer Erfolg war weitgehend unabhängig von der akademischen Bewertung seiner Schriften. Dennoch darf in einem Land wie dem wilhel- minischen Deutschland, in dessen kirchlich-protestantischem Milieu die Universitätstheologie in hohem Ansehen Stand und in dem nahezu die komplette evangelische Pfarrerschaft akademisch gebildet war, der Ein- ftuß und die Autorität der universitären Theologie nicht unterschätzt wer- den. Ein Theologe also, der den Sprung in die akademische Diskussion geschafft hatte, galt etwas in diesem Milieu. Die Frage ist nur, wie Spur- geon dieser Sprung, um nicht zu sagen: die akademische Nobilitierung gelang. Vieles —vor allem der Umstand, daß Spurgeon in erster Finie als Prediger geschätzt wurde - spricht dafür, daß Spurgeon aufgrund seines Erfolges im populär-kirchlichen Bereich in den akademischen Diskurs ge- langt sein kdnnte. Ohne Zweifel darf man im Falle Spurgeons mit einer komplizierten Wechselwirkung zwischen populärer und akademischer Rezeption rechnen.

4.1. Spurgeons Resonanz in der deutschen Universitätstheologie

Der inaugurierte Rundgang durch die deutsche akademische Land- Schaft Ende des 19. und Anfang des ^O.Jhs. wird einige, heute weitge- hend vergessene und von der Forschung nicht mehr wahrgenommehe Theologen und deren homiletische Positionen wieder in Erinnerung rufen. Das Folgende versteht sich darum auch als ein Beitrag zur deutschen Ho- miletikgeschichte. Terminus a quo für eine Untersuchung der Aufnahme und Diskussion von Spurgeons Homiletik in Deutschland ist sinnvoller- weise das ]ahr 1875, in welchem Spurgeons Lectures erstmals gedruckt wurden. Spurgeons Predigten waren zwar schon vorher ins Deutsche übersetzt worden. Als Predigtiehrer wurde er aber erst aufgrund seiner Lectures wahrgenommen. Es sind im wesentlichen zwei Fragen, welche die folgende Untersuchung leiten. Einmal werden die homiletischen

92 Prinzipiell müßten bei einer £rhebung des £ch©s, das Spurgeon im protestantisehen Deutschland jener Zeit fand, alle homiletischen Lehrbücher, theologischen Zeitschriften und Kirchenblätter gesichtet werden. Im Palle der Lehrbücher und Zeitschriften ist das im folgenden auch geschehen. Das Peld der Kirchenblätter wird nur punktuell gesichtet, weil es schlicht zu ausufernd ist, um in einem Aufsatz einigermaßen adäquat präsentiert werden zu können.

 

Charles Haddon Spurgeon 251

Grundpositionen der herangezo§enen Theologen mit derjenigen Spur- geons verglichen. Zum anderen sind explizite Bezugnahmen deutscher Theologen auf Spurgeon daraufhin zu prüfen, ob sie lediglich Bewunde- rung für Spurgeons Predigterfolg oder aber Übereinstimmungen theolo- gish-inhaltlicher Art zu erkennen geben.

Den Anfang des Rundgangs macht der Straßburger Theologieprofes- sor Alfred Krause (1838 —1مر02وDieser schreibt im Vorwort zu seinem 1883 erschienenen »Lehrbuch der Homiletik«, daß in ihm allein jene nichtdeutschen Theologen Erwähnung finden, die »in besonders hervor- ragender Weise der Geschichte der Predigt angehören.«وو Vor diesem Hintergrund ist bereits die Tatsache, daß Spurgeon an einigen Stellen der Krauseschen Predigtlehre erwähnt wird, ein Ausdruck besonderer Wert- Schätzung. Noch bemerkenswerter werden diese Bezugnahmen auf Spur- geon, wenn man sich Krauses Urteil über die englische Predigt im allge- meinen vergegenwärtigt, demzufolge England in homiletischer Hinsicht nicht viel hervorgebracht habe94. Erstaunlich ist die Wertschätzung, die Krause Spurgeon entgegenbringt, vor allem darum, weil die homiletischen Grundpositionen beider Theologen differenter kaum sein könnten. War Spurgeon der Meinung, daß eine Predigt immer vor Unbekehrten statt- finde zum Zwecke ihrer Bekehrung, so behauptet Krause in der Tradition Shleiermachers9^ das genaue Gegenteil. Ihm zufolge ist die Predigt eine Rede, welche das als vorhanden vorausgesetzte Gottesbewußtsein der Ge- meinde zur Darstellung bringen soll, um auf diese Weise die einzelnen Gemeindeglieder in ihrem Glauben zu erbauen und zu stärken:

»Wir fühlen uns von einer Predigt erbaut, wenn infolge derselben diejenigen Gefühle, Prkenntnisse und Bestrebungen, welche wir als christliche kennen und von deren Cristlichkeit wir nicht mehr erst überzeugt zu werden brauchen, eine solche Pörde- rung erhalten haben, daß uns das Bewußtsein dieser Pörderung lebendig ergreift. Pine solche Belebung und Kräftigung unserer Christlichkeit kann nur dadurch hervorge- bracht werden, daß die Predigt eben diese christlichen Gefühle, Prkenntnisse und Be- Strebungen mit einer solchen Jnnigkeit, Klarheit, Deutlichkeit, Reinheit und Kraft zum Ausdruck bringt, welche uns nicht bloß sympathisch berühren, sondern geistesmächtig auf der von uns selbst gebilligten Bahn fortreißen. Die Prneuerung unserer Pmpfindun- gen verstärkt und vertieft dieselben.«96

Eine Predigt findet demnacb nicbt vor Ungläubigen, sondern immer schon vor Gläubigen statt. Der bereits vorbandene Glaube der Gemeinde

93 Alfred Krause, Lehrbuch der Homiletik. Gotha 1883, s.IV.

94 Krause, Homiletik, s. 71.

95 Vgl. dazu: Wolfgang Trillhaas: Der Berliner Prediger; in: Dietz Lange (Hg.), Friedrich

Schleiermacher 1768—1834, Theologe — Philosoph — Pädagoge. Göttingen 1985, s. 9 - 23, vor allem: s. 16 und 21; Konrad Fischer, Gegenwart Christi und Gottesbewußtsein, Drei Studien zur Theologie Schleiermachers [TBT 55]. Berlin, New York 1992, s.5 und öfter.

96 Krause, Homiletik, s. 123.

252 Alexander Bitzel

ist die ?rämisse für die Wirksamkeit der Predigt^. Das gilt selbst für die Missi©nspredigt. Denn zu dieser kommen Krause zufolge nur jene, in de- nen der Geist Gottes bereits Raum gegriffen hat. Der zu missionierende Menseh ist insofern kein eigentlieh Ungläubiger mehr, sondern bereits ein latenter Christ, für den eine ehristliche Anspraehe dieselbe Bedeutung hat wie für einen solchen, der sich schon lange zur Kirche zählt: Auch dem latenten Christen bringt die Predigt sein Gottesverhältnis zu Darstellung und Bewußtsein und begeistert ihn so für Christus^. Wenn also Krause schreibt, daß eine Predigt eine missionarische Tendenz bekommen kann, versteht er das nicht wie Spurgeon dahingehend, daß sie Ungläubige und Heiden für Christus gewinnt. Vielmehr besteht das Mfssionarische einer Predigt darin, daß sie Christus Fernerstehende näher an ihren Erlöser her- anführt99.

Diese Ansicht markiert eine Differenz im Grundsätzlichen zwischen Krause und Spurgeon. Das hindert den Straßburger Predigtlehrer gleich- wohl nicht daran, seinem Eondoner Kollegen höchsten Respekt zu zollen. Spurgeons Bekehrungserfolge anerkennt Krause ohne w eiteres^, wobei er freilich diejenigen, die im Londoner Tabernacle bekehrt wurden, für latente Christen gehalten haben dürfte. An anderer Stelle wird Spurgeon von Krause als ein autoritativer Zeuge für die homiletische Grundwahr- heit angeführt, daß das Wissen um die Alleinwirksamkeit des Geistes Got- tes nicht als Entschuldigung für studierfaule Prediger herhalten darf101. Ferner stimmt Krause mit Spurgeon auf formalhomiletischem Gebiet darin überein, daß eine Predigt keine langatmige Einleitung haben darf102. Theologisch kann Krause also mit Spurgeon nicht viel anfangen. Den großen Erfolg des Londoner Predigers bewundert er allerdings sehr. Ebenso respektiert er ihn als Lehrer der formalen Homiletik.

Auch Krauses Heidelberger Kollege Heinrich Bassermann103 geht in seiner Besinnung auf das Wesen der Predigt von Schleiermacher aus und

97 Krause, Homiletik, s. 124. 98 Krause, Homiletik, s. 127. 99 Krause, Homiletik, $٠ 130.

100 Krause, Homiletik, s. 158. 101 Krause, Homiletik, $٠22.

Krause, Homiletik, s.500.

103 Heinrich Bassermann wurde als ■؟ohn eines Kaufmanns am 12.7.1849 in Frankfurt am

Main geboren, wuchs in Mannheim aufund studierte unter KarlAugust von Hase in Jena, unter Alexander Schweizer inZürichund unterHeinrich Julius vonHoltzmann in Heidelberg Theologie. 1873 wurde er Hilfsprediger in Arolsen, 1876 Frivatdozent in Jena und noch im selben Jahr außerordentlicher Frofessor in Heidelberg. Ab 1880 war er dort Ordinarius für Fraktische Theologie. 1884 wurde Bassermann zum Universiräts- prediger sowie zum Direktor des Theologischen Seminars berufen. £٢ war Mitbegründer des Allgemeinen evangelisch-protestantischen Missionsvereins und Mitglied des Prote- stantenvereins. 1881 wurde Bassermann Mitglied der badischen Generalsynode. £ine Zeit lang gehörte er dem Generalsynodalausschuß an. Am 29. 8. 1909 starb Bassermann im Schweizerischen ^aden/Graubünden; vgl. Friedrich Wilhelm Bautz, Art. Basser- mann, Heinrich; BBKL 1, Sp. 411.

Charles Haddon Spurgeon 253

schreibt, daß die Predigt ein darstellendes und kein wirkend-kreatives Handeln ist. Die kirchliche Verkündigung bringt den Glauben vor einer Versammlung von Gläubigen —um willen ihrer Erbauung - zur An- schauung. Für Bassermann ist eine Predigt in keiner Weise ein Mittel zur Stiftung eines Gottesverhältnisses, kein Instrument der Bekehrung also:

»Die geistliche Beredsamkeit ist die Kunst, in Worten einen bestimmten christlich-reli- gidsen Bewusstseinsinhalt zusammenhdngend und lebendig im christlichen Kultus zur Darstellung zu bringen, die geistliche Rede also principiell ein Akt solcher Darstellung, demgemäss weder Lehrverkündigung noch Brweckungs- (Bekehrungs-) oder Besse- هت،ل«.rungsmittel

Die Predigt ist folglich ein darstellendes Handeln zur Erbauung der Erommen. Die Gewinnung eines Menschen für Christus sieht Bassermann nicht als Aufgabe der Predigt, sondern als eine Aufgabe der Volkserzie- hung, weil er nicht der punktuellen Predigt, sondern nur der Erziehung eines Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg zutraut, den Willen dieses Menschen für den Geist des Evangeliums zu gewinnen. Wie Krause möchte Bassermann indessen nicht die Bekehrungserfolge Spurgeons ab- streiten. Was in London geschah, hält er jedoch für eine ganz außerge- wöhnhche Sache, die mit den katastrophalen kirchlichen Zuständen in England zusammenhängt und darum in Deutschland nicht zu erwarten ist, weil Deutschland nach Bassermanns Ansicht ein nach wie vor christli- ches Land ist. Und dem deutschen Erziehungswesen traut Bassermann noch ohne weiteres zu, die Seelen der Heranwachsenden für Christus zu gewinnen sowie den Menschen die Grundlagen des christlichen Glaubens einzupflanzen. Erst wenn dieses Unternehmen scheitert, sieht Bassermann die Zeit gekommen für Erwe^^predigten*°L

Nur wenn also das staatliche Schulsystem versagt und die Symbiose von Staat und Kirche auseinanderbricht, wenn der pädagogische Not- stand ausbricht, sollte es Bekehrungspredigten geben. Gut wäre es dann freilich nach Bassermanns Empfinden, einen hervorragenden Prediger vom Schlage Spurgeons zu haben. Auch zwischen Bassermann und Spur- geon gibt es demnach eine fundamentale theologische Differenz, die den Heidelberger Grdinarius gleichwohl nicht davon abhält, Respekt und Hochachtung vor den Leistungen Spurgeons und der evangelisatorisch- missionarischen Wirkkraft seiner Predigt zu haben106. Gegenüber Krause ist Bassermanns Bewunderung für Spurgeon jedoch ein wenig zurückhal- tender, insofern er davon ausgeht, daß Spurgeons Predigterfolg zu einem nicht unwesentlichen Teil mit den katastrophalen kirchlichen Zuständen in England zusammenhängt.

١٥* Heinrich Bassermann, Handbuch der geistlichen Beredsamkeit. Stuttgart 1885, s. 188. ١٥^ Bassermann, Beredsamkeit, s. 199.

١٠^ Bassermann, Beredsamkeit, s. 199.

254 Alexander Bitzel

Ernst Christian Achelis107 differenziert zwischen der Verkündigung vor Christen und derjenigen vor Heiden und erklärt die Homiletik nur für die erstgenannte zuständig. Er begründet diese Unterscheidung mit dem Hinweis darauf, daß im biblischen Sprachgebrauch (Lk 24 f.; Apg 20,11; 24,26) unter homilein das erbaulich-religiöse Gespräch zwischen Gläubigen verstanden, während die Verkündigung an Nichtchristen mit dem Begriff keryssein belegt wird108. Mit der Differenzierung zwischen Gemeinde- und Missionspredigt möchte Achelis lediglich darauf hinwei- sen, daß ein Prediger vor einer Christengemeinde anderes sagen und diffe- renzierter reden kann als vor einer Versammlung von Heiden. Die für Achelis’Konzeption der Praktischen Theologie typische Verknüpfung von theologischer Reflexion und empirisch-deskriptiver Realitätserfassung tritt hier zutage10؟. Den oiokulturellen Kontext einer Predigt gilt es also zu studieren, bevor man die Kanzel besteigt. Theologisch weiß Achelis selbstverständlich, daß sich die Verkündigung vor Heiden ihrem Wesen nach nicht von derjenigen vor Christen unterscheidet. In beiden Fällen ist es allein der Geist Gottes, der Menschenworte zur praedicatio verbi divini machen kann110.

Die Predigt ist Achelis’ Auffassung nach Kern und Hauptsache des kirchlichen Kultus, den er in der Tradition Schleiermachers als Darstel- lung des objektiven Heflsbesitzes der Kirche vor der Gemeinde zu deren Erbauung definiert. Nicht das mehr oder weniger fromme Gemeindebe- wußtsein soll demnach im Gottesdienst zur Darstellung kommen1*1, son- dern das als objektive Größe verstandene Evangelium Jesu Christi, auf daß sich die Gemeinde dieses wieder aneigne und so erbaut werde. Zweck dieser Aneignung des kirchlichen Heils ist die Heranbildung einer Ge- meinschaft von Heiligen, ist —in eschatologischer Perspektive —die Iden­

107 £rn$t Christian Achelis $tammte aus Bremen- Dort wurde er als 50hn eines Kaufmanns am 13. 1. 1838 geboren. Nach dem Abitur studierte er in Heidelberg bei Richard Rothe und wechselte I860 nach Halle/Saale. Noch im selben Jahr wurde er Hilfsprediger in Arsten bei Bremen. 1868 wurde er ?farrer im sozialen Brennpunkt Hastedt bei Bremen. Von 1875 an war Achelis Pfarrer in Unterbarmen. 1882 wurde er zum ordentlichen Professor für Praktische Theologie und zum Universitätsprediger nach Marburg berufen. Dort starb er am 10.4.1912; vgl.: Friedrich Wilhelm Bautz, Art. Achelis, £rnst Christian; BBK£1, Sp. 17.

108 £rnst Christian Achelis, Lehrbuch der Praktischen Theologie, Bd. 1—3. 3. Auflage. Leip- zig 1911, hier: Bd. 2, s. 80; die Missionspredigt begreift Achelis als eine ganz selbstver- ständliche Äußerung eines zur Reife gekommenen christlichen Glaubens in nichtchrist- liehen Kontexten, in: Achelis, Lehrbuch, Bd. 3, s.329 ff.

109 Vgl. Martin Kumlehn, PraktischeTheologiealsSelbstvergewisserung kirchlichen Han- delns: £rnst Christian Achelis; in: ChristianGrethlein, MichaelMeyer-Blanck(Hgg.), Geschichte der Praktischen Theologie. Dargestellt anhand ihrer Klassiker [Arbeiten zur Praktischen Theologie 12]. Leipzig 2000, s. 2 0 7 -2 3 6 , hier: 216.

“٥ Vgl. Kumlehn, Achelis, s.231. 111 Vgl. Kumlehn, Achelis, s. 230.

 Charles Haddon Spurgeon 255

tität von Sein und Wesen der Kirche112. Zum Ethos des ?redigers läßt sich Achelis folgendermaßen vernehmen:

»Im Gegensatz zu einer bloß schablonenm^ßlgen Weitergabe von überlie£ertem und Angelerntem soll die Darbietung des Wortes das Gepräge einer aus eigener Erfahrung und persönlichem Geistesdrang hervorgehenden Besrätigung dessen tragen, was der Christ an Christus hat(...] Hier wurzelt das Ethos der Predigt: der schlichte Mut, der unab^ngig von Menschenfurcht und Menschengunst bezeugt, was sich ihm als Kraft zur Seligkeit bewert hat.«١٧

Der ?rediger sollte demnach nicht distanziert eine abständig objekti- vierte Lehre oder Bibelerzählung referieren, sondern aus dem persbnli- chen Erleben des Evangeliums Jesu Christi heraus diese Heilsbotschaft bezeugen. Er soll weitergeben, was sich ihm persönlich als stärkende frohe Botschaft vergegenwärtigt und verifiziert hat. Die ?redigt muß auf den Willen ihrer Hörer zielen, ihn reinigen, kräftigen und zu einem heilig- mäßigen Leben bewegen1**.

An dieser Stelle wird erstmals eine grundlegende theologische Ge- meinsamkeit zwischen einem deutschen Theologen und Spurgeon deut- lieh. Für Achelis und Spurgeon nämlich ist die persönliche Involviertheit des Fredigers in das Evangelium Christi Prämisse und Grundlage einer guten, sachgemäßen Verkündigung. Auf weitere theologische überein- Stimmungen mit Spurgeon geht Achelis in seinem Lehrbuch nicht näher ein. Jener fundamentalhomiletische115 Konsens zwischen beiden ist einer der Gründe dafür, daß Achelis Spurgeons Vorlesungen aus dem Prediger- seminar als besonders lesenswerte Lektüre empfiehlt**c In formalhomile- rischer Hinsicht verbindet Spurgeon und Achelis die Überzeugung, daß ein Prediger auf den guten Vortrag seiner Verkündigung Acht haben112 und seinem Alter gemäß predigen sollte**^.

Was sich bereits hier andeutet, bestätigt ein Blick in Achelis’ zahlrei- che Rezensionen, die er zu Spurgeons Büchern verfasst und in der Zeit- Schrift »Hafte was du hast« publiziert hat. Dort nimmt er mehrfach die Gelegenheit wahr, über den in seinem Lehrbuch der Praktischen Theolo- gie schon konstatierten fuda^ntalhom iletischen Konsensus hinaus wei- tere theologische Gemeinsamkeiten zwischen sich und Spurgeon hervor- zuheben. Es dürfte wohl nicht zuviel behauptet sein, wenn man Achelis den größten Spurgeonfreund innerhalb der deutschen akademischen

١٧Acheiis,Lehrbuch, Bd.2,s.82f.

١٧Achelis,Lehrbuch, Bd.2,s.127.

١٢Achelis,Lehrbuch, Bd.2,s.127. ١٧DieimfolgendengebrauchteDifferenzierungzwischenEundamentalhcmiletik(derPredi-

ger, sein Amt, seine Gemeinde), Materialhomiletik (der Inhalt der Predigt) und Formalho-

milerik (die Form der Predigt) lehnt sich an Achelis an. ١١٤Achelis,Lehrbuch, Bd.2,s.79.

١٧Achelis,Lehrbuch, Bd.2,s.272-76. ١٧Achelis,Lehrbuch, Bd.2,s.151.

 

256 Alexander Bitzel

Theologie Ende des 19. Jhs. nennt, der Spurgeon nicht nur seiner öffentli- chen Erfolge wegen bewundert, sondern der — anders als Krause und Eassermann - den Engländer auch aus theologischen Gründen schätzt, näherhin als einen Theologen, der Geologie konse؟uent im Blick auf den kirchlichen V erkü^igungsauftrag betreibt. Achelis’ Sympathie hängt zweifellos mit seinem eigenen kirchlichen Engagement zusammen, das mit seiner Berufung auf einen Marburger Eehrstuhl kein Ende fand119. Ihm, dem Marburger Grdinarius, der zugleich Presbyter seiner Gemeinde und hessischer Synodale war, war bei aller Leidenschaft für die theoretische Reflexion praktisch-theologischer Zusammenhänge eine mitreißende, be- geisternde Predigt letztendlich lieber als jeder distinktionsgesättigte Trak- tat über homiletische Detailfragen^o.

Gegenüber Krause, Bassermann und Achehs ein wenig anders profi- liert ist die Predigtlehre des Hallenser Theologieprofessors und Konsisto- rialrats Hermann Hering1^ , die er in seinem zweibändigen Werk »Die Lehre von der Predigt« darlegt^A Im Gegensatz vor allem zu Bassermann distanziert er sich explizit von Schleiermachers Ansicht, daß die Predigt ein im Blick auf Neubekehrungen absichtsloses, rein darstellendes Han- dein zum Zwecke der Zirkulation des frommen Gemeindebewußtseins sei. Vielmehr ist die Predigt ein wirksames Wort, das auf die Veränderung des Menschen zieh und diese auf jeden Fall bewirken will^A Die rechte Predigt Stelh ihren Hörern Gottes Heil in Christus vor Augen1^ . Sie ist die Quelle, aus der die Gemeinde Kraft für ihre vielfältigen Aufgaben schöpft, sie tröstet, stärkt den Glauben, erzieht zum Gehorsam, und - hier liegt die Hauptdifferenz zwischen Krause und Bassermann auf der einen und Herfog auf der anderen Seite —die Predigt vermag es auch, Glauben zu wecken, d. h. im eigentlichen Sinne Menschen zu bekehren:

»Rechte Predigt [...] wirkt dahin, das Ganze der Kirche, wie ihre einzelnen Glieder in ihrem Glaubensstand, wie in dessen rechter Beweisung im Leben und Wandel zu Stär- ken, Glauben zu wecken und zu erziehen und das gottgewollte Verhältnis zu himmli- sehen wie zu irdischen Gütern aus Verbildung und Bntartung durch Selbst- und ص«.Wehsucht wieder herzustellen und zu erhalten

119 Vgl. Kumlehn, Achehs, s.224 f.

120 Vgl. etwa: Achelis, Lehrbuch, Bd. 1, s.IV (Vorwort zur I. Auflage 1890).

121 Hermann Hering kam als Plarrersohn am 26. 2.1838 in Dallmin/Westprignitz zurWelt.

Zwischen 1858 und 1862 studierte er inHalle/Saale. 1863 wurde er Diakon imthüringi- sehen Weißensee, 1869 Archidiakon in Weißenfels, 1874 Oberpfarrer und ein Jahr später Superintendent in Lützen. 1878 wurde Hering von der Theologischen Fakultät der Uni- versität Kiel ehrenhalber zum Dr. theol. promoviert. Von 1878 bis 1908 war Hering ordentlicher Professor für Praktische Theologie und Universitätsprediger in Halle/Saale. Dort starb er am 7. 4. 1920؛ vgl. Friedrich W ilhelm Bautz, Art. Hering, Hermann;

122 Hermann Hering, Die Lehre von der Predigt, Bd. 1: Berlin 1897; Bd. 2: Berlin 1905.

123 Hering, Predigt, Bd. 2, s.306 ff.

124 Hering, Predigt, Bd. 2, s.281.

125 Hering, Predigt, Bd. 2, s.303 f.

Charles Hadd©n Spurgeon 257

Einer guten ?redigt traut Hering also ganz im Sinne der biblisehen Überlieferung (Röm 10,17 u. a.) eine grundstürzende, den Mensehen in seinem Innersten paekende und verändernde Wirkung zu. Sie, die ?redigt, soll diese Veränderung bewußt wollen. Beide Ansiehten trennen Hering von Schleiermaeher und dessen Naehfolgern Krause und Bassermann, in gewissem Sinne auch von Achelis. Von dieser homiletischen Grundposi- tion aus kann Hering erwecklerische ?redigten positiv bewerten. An der deutschen Erweckungspredigt, insbesondere an derjenigen Ludwig Hof- ackers, kritisiert er jedoch, daß sie eintönig ist und den Reichtum der Schrift nicht zur Geltung kommen läßt, weil sie sich monoton auf die Rede vom meritum Christi konzentriert. Auf diese Weise leistet sie zu wenig im Blick auf den »Ausbau des christlichen Lebens und der christli- chen Erkenntnis«^. Herings Kritik richtet sich darauf, daß die Erwek- kungspredigt zu sehr auf den schnellen Bekehrungserfolg fixiert ist und die nachhaltige theologisch-katechetische Vertiefung des erweckten Glau- bens nicht leistet. Gleichwohl ist er der Überzeugung, daß jede Predigt ein erwecklerisches Moment haben m üsse^. An Spurgeon gefällt Hering vor allem, daß er biblisch und —weit mehr als seine deutschen Erwek- kungskollegen —äußerst abwechslungsreich zu predigen verstehe, auch wenn er es manchmal mit dem Gebrauch von Illustrationen und Allego- rien übertreibe^؟. Mit dem Engländer ist Hering auch der Meinung, daß ein ?rediger von dem, was er verkündigt, ergriffen sein muß, wenn er seine Predigt zum Ziel führen w ill^ . Hering ist zusammen mit Achelis einer der wenigen Universitätstheologen im wilhelminischen Deutschland, der nicht nur Hochachtung vor Spurgeons Leistungen hat, sondern mit ihm auch eine gemeinsame homiletisch-theologische Grundlinie aufwei- sen kann.

Eine wieder stärker auf Schleiermacher rekurrierende Homiletik legt der Berliner Theologe Paul Kleinert130 vor. Er unterscheidet efe و 7 0 1 wenig unscharf und —anders als Achelis, ohne näher darauf einzuge-

126 Hering, ?reäigt, Bd. 1, s. 224. .31-3.Hering,Predigt,Bd.1,sل27 .575.Hering, Predigt, Bd. 1,sل28

129 Hering, Predigt, Bd. 1, s. 404.

130 Paul Kleinert wurde am 23. 9. 1839 im ober$ehlesisehen Vielgut/Oel$ geboren. Nach

dem $tudium in Halle/Saale promovierte er dort 1857 zum Dr. phil. Drei Jahre s^ter absolvierte er das theologische Lizenziatenexamen in Breslau. Von 1861 bis 1863 war Kleinert Diakon in Oppeln, zwischen 1863 und 1865 Religionslehrer in Berlin. 1866 wurde er Pfarrer an der Berliner Gertraudenkirche. Nach der Habilitation 1864 versah Kleinert - seit 1866 neben dem Pfarramt - eine Privatdozentur. 1877 wurde Kleinert zum Ordinarius für Altes Testament und Praktische Theologie an die Berliner Universität berufen. Von 1873 bis 1891 war er Mitglied des brandenburgischen Konsistoriums, 1 8 9 5 -1 9 0 4 gehörte er dem Pvangelischen Oberkirchenrat an. In Berlin starb Kleinert am 29. 7. 1920; vgl. Klaus-Gunther Wesseling, Art. Kleinert, Paul; BBKL 3, Sp. 1595-

258 Alexander Bitzel

hen —zwischen Missions- und Gemeindepredigt. Homiletik ist für ihn in erster Linie die Theorie der Gemeindepredigt131, wenn auch diese nie ganz eines missionarischen Aspekts entbehrt. Den Sinn der gemeindlichen Predigt sieht Kleinert darin, der Gemeinde den ihr eigenen Heilsbesitz zu vergegenwärtigen und ins Bewußtsein zu heben, weil allein diejenigen ge- mäß dem Willen Gottes leben können, denen das ihnen geltende Heil Gottes bewußt ist132. Wichtig ist Kleinert an dieser Stelle, daß unter dem Heilsbesitz der Gemeinde nicht deren empirischer Glaubensstand, son- dem das Lvangelium Jesu Christi zu verstehen ist - eine Differenzierung und Nuancierung, die sich Kleinert zufolge auch bei Schleiermacher fin- det133 und die - wie bereits deutlich wurde - auf ähnliche Weise Achehs in seinem Lehrbuch der Praktischen Theologie vornimmt. Das Lvange- lium ist demnach das Normbewußtsein, auf dessen Höhe die Seelen der Predigthörer immer wieder gehoben werden müssen. An diesem stetigen, wiewohl erst eschatologisch vollendbaren Aufbau der Kirche mitzuwir- ken ist Aufgabe aller kirchlichen Handlungsfelder. Die Predigt ist für Klei- nert das wichtigste Instrument zur Auferbauung des Leibes Christi. Sie muß jedoch nicht nur den Glauben der Christenmenschen fördern, son- dem auch der natürlichen Tendenz zum Heidentum, die Kleinert mit Mk 9,24 allen Menschen attestiert, entgegenwirken und darum immer ein wenig missionarisch sein:

»Auf diesen £ndzweck, in der erscheinenden Kirche die wahre aufzubauen, gehen schließlich alle kirchlichen Tätigkeiten hinaus und im eminenten Sinne wird das von der zentralen ^tigkeit der ?redigt gelten. Obwohl ins Kultusleben der Gemeinde einge- gliedert, kann sie doch des missionarischen £lements nicht völlig entbehren, so gewiß das Heidentum nicht bloß eine Größe draußen vor den Toren ist, sondern im natürli- chen Herzen des Menschen, auch des Christen, überall seinen Sitz hat und diesen mit ل34«.Zähigkeit zu behaupten trachtet

Zu beachten ist hier, daß Kleinert, wenn er vom Heidentum im na- türhehen Menschen spricht, eine tatsächliche Feme der menschlichen Seele von Gott im Sinn hat und nicht wie Alfred Krause die noch oder wieder dem Heidentum verfallenen Predigthörer allein darum für latente Christen hält, weil sie sich einer Predigt aussetzen.

Kleinert weiß und erwähnt, daß er in diesem letzten Punkt grundsätz- lieh mit Spurgeon übereinstimmt, kritisiert an diesem aber, daß er das Mis- sionisc^Erwecklerische in seiner Predigt zu stark betont133،Ansonsten

131 ?aul Kleinert, Homiletik. Leipzig 1907, s. 2.

132 Kleinert, Homiletik, s.3 ff.

133 Kleinert, Homiletik, s.8؛ eine ähnliche Interpretation der Schleiermacherschen Homile-

tik findet sich bei: Wilhelm Gräb, Predigt als kommunikativer Akt, £inige Bemerkungen zu Schleiermachers Theorie religiöser Mitteilung; in: Kurt-Victor Selge (Hg.), Internatio- naler Schleiermacher-Kongreß Berlin 1984, Bd. 2 [SchlA 1,2 ل. Berlin, New York 1985,

134 Kleinert, Homiletik, s.11.

135 Kleinert, Homiletik, s. 13.

Charles Hadd©n Spurge©n 259

schätzt Kleinert - ganz wie Hering —an spurgenn dessen griffige, humor- und temperamentvolle, aphoristische und anschauliche ?redigtweise. In dieser Hinsicht stellt Kleinert den Londoner Prediger seinen Lesern, insbe- sondere jenen, die »zum monologischen oder dialektischen Ausspinnen theoretischer Gedankengänge« neigen, als Vorbild und hervorragenden Lehrer vor Augen^A An einer Stelle vergleicht Kleinert Spurgeon gar mit Heinrich Müller, einem der größten lutherischen Kanzelredner des 17. Jhs.137Pointierter kann man seine Bewunderung für einen Prediger und die sprachliche Qualität seiner Reden kaum zur Sprache bringen.

Reminiszenzen an große Prediger des lutherisch-orthodoxen Zeital- ters finden sich in Friedrich Niebergalls^ 118و erstmals aufgelegter Dar- Stellung der Praktischen Theologie139 zwar auch. £r stellt indessen keine Verbindung zwisöhen diesen und Charles Haddon Spurgeon her. Nieber- galls großes Thema ist die Frziehung der Gemeinde zur Gottseligkeit. Die Predigt spielt bei diesem Unternehmen eine prominente Rolle. Sie ist »eine sich im Gemeindekultus vollziehende Redehandlung, in der ein dazu ge- bildeter und berufener Diener der Kirche an die dazu versammelte Ge- ص«.meinde von Christen Fvangelium heranbringt

Niebergall beruft sich bei seiner Bestimmung der Aufgabe der Pre- digt auf Schleiermacher, dessen Predigtbegriff er —ebenso wie Kleinert — nicht rein darstellend-ästhetisch, sondern auch intentional interpre- tiert141. Auch Niebergall definiert ausschließlich die Rede vor der versam- melten Christengemeinde als Predigt. Die Gemeinde hat die Predigt auf ihren Glauben anzusprechen147. Ihr muß sie die Gedankenfülle des Evan- geliums - verstanden als das Ideal des Glaubens —mit geeigneten Mitteln gemeindegemäß und situationsadäquat verkündigen*43. Ziel der kirchli-

.40.Kleinert, H©miletik, s تا6

137 Kleinert, H©miletik, s. 40.

138 Friedrich Niebergall kam am 20. 3. 1866 in Kirn an der Nahe zur Welt. Nach dem

Abitur studierte er in Berlin. Dort wurde er hauptsächlich durch Julius Kaftan und den Neukantianismus geprägt. 1892—1903 war Niebergall Ffarrer in Kirn. 1902 habilitierte er sich und wurde Frivatd©zent an der Universität Heidelberg. 1908 beriel man ihn zum Extraordinarius ؛¿ir Fraktische Theologie in Heidelberg. 1922 folgte Niebergall einem Ruf auf den Lehrstuhl für Praktische Theologie nach Marburg. Am 20. 9. 1932 starb er dort؛ vgl. Klaus-Gunther Wesselfog, Art. Niebergall, Friedrich; BBKL 6, Sp. ?08—21?.

139 Friedrich Niebergall, Praktische Theologie. Lehre von der kirchlichen Gemeindeerzie- hung auf rehgionswissenschaftlicher Grundlage. Bd. 1 -2 . Tübingen 1918.

140 Niebergall, Praktische Theologie, Bd. 2, s.67.

,vgl.zum Thema auch: Achim Plagentz؛105.Niebergall, Praktische Theologie, Bd. 2, sلآ4

Ulrich Schwab, Rligionswissensch^i^empirische Praktische Theologie: Friedrich Niebergall؛ in: Christian Grethlein, Michael Meyer-Blanck (Hgg.), Geschichte der Prakti- sehen Theologie. Dargestellt anhand ihrer Klassiker [Arbeiten zur Praktischen Theologie 12]. Leipzig 2000, s.237-2?8, hier: s.259.

.?6.Niebergall,PraktischeTheologie, Bd.2,sأ42

143 Niebergall, Praktische Theologie,Bd. 2, s. 108؛ vgl. zuNiebergalls Konzeption der Prak-

tischen Theologie als einer Reflexion auf Empirie, Mittel und Ideale der kirchlichen Ar- beit: Plagentz, Schwab, Niebergall, s. 245 ff.

 260 Alexander Bitzel

chen Arbeit ist die eruditio der ^cmcfuflc zur christlichen Gemein- Schaft144. Der Gemeindepredigt stellt Niebergall die Missions- und £van- gelisationspredigt gegenüber, eine Unterscheidung, die sich seit Achelis in der deutschsprachigen Homiletik offenbar durchgesetzt hat. Niebergall ist freilich, was den Erfolg der Evangelisationsarbeit anbetrifft, pessimi- stisch:

»Sieltt man $ich aber einmal auf Straßen und Ei$enbahnen und sonstwo die Menschen an, dann weiß man, daß man nicht viel mehr erreichen kann, als wenn man aus dem Bach mit einem Eimer Wasser holt.«145

Nicht die kirchliche Verkündigung ist es nach Niebergalls Ansicht, die Außenstehende fasziniert. Vielmehr sind es kirchliche Eiebeswerke und Feiern, welche bei Indifferenten und Ungläubigen Interesse für die Kirche wecken können146. Im Raum der Kirche ist es jedoch nicht allein das Wort, sondern vor allem auch die Persönlichkeit des Predigers, welche den Hörer im Sinne der Erziehung zu einer christlichen Persönlichkeit beeinflussen kann147. Als Belege für diese Einsicht führt Niebergall den berühmten amerikanischen Erweckungsprediger Charles G. Finney und Spurgeon an, bzw. die Wirkung, die beide mit ihren Persönlichkeiten auf ihr Publikum ausübten. Der Prediger muß an das, was er verkündigt, glauben, wenn er andere für seine Verkündigung begeistern will148. Wie bei Achelis wird hier Spurgeon als Paradebeispiel eines Predigers ange- führt, der vom Evangelium Christi ganz ergriffen war und darum Segens- reich wirken konnte. Ansonsten finden sich in Niebergalls Praktischer Theologie keine weiteren Bezugnahmen auf Spurgeon, auch keine Indi- zien für besondere Wertschätzung oder gar Bewunderung. Der große Massenprediger dürfte dem damaligen Heidelberger Extraordinarius fremd geblieben sein, eine Vermutung, die eine Rezension Niebergalls zu Spurgeons Lectures bestätigt149.

Zum Abschluß der tour d’horizont durch das akademisch-theologi- sehe Deutschland des späten 19. und frühen 20.Jhs. sei noch ein Blick auf Martin Schian150 und sein Verhältnis zu Spurgeon gestattet. Grund­

144 Vgl. ?lagentz, Schwab, Niebergall, s. 250 ff.

145 Niebergall, Praktische Theologie, Bd. 2, s. 471.

146 Niebergall, Praktische Theologie, Bd. 2, s. 471.

147 Vgl. Plagentz, Schwab, Niebergall, s. 255f.

148 Niebergall, Praktische Theologie, Bd. 2, s. 105.

149 S. unten.

150 Martin Schian war Sohn eines Pfarrers und kam am 10. 8.1869 inLiegnitz zur Welt.

Nach dem Abitur studierte er von 1888 bis 1892 in Greifswald,Breslau undHalle/Saale Theologie bei Willibald Beyschlag, David Erdmann, Hermann Gunkel, Martin Kdhler, Julius Köstlin und Adolf Schlatter. Nach einem einjährigen freiwilligen Militärdienst ab- solvierte er zwischen 1893-1894 das Predigerseminar in Wittenberg. 1896 wurde Schian in Breslau zum Lizenziaten promoviert, anschließend war er zwölf Jahre lang Pfarrer in Glogau, Görlitz und Breslau, wo er auch als Privatdozent wirkte. 1908 wurde Schian al$ Nachfolger von Paul Drews ordentlicher Professor für Praktische Theologie in Gießen. 1924 übernahm er in der Evangelischen Kircbe der altpreußischen Union das Amt des

 

Charles Haddon Spurgeon 261

sätzlich definiert Schian die Predigt als die »Verkündigung des Wortes Gottes an die gottesdienstlieh versammelte Gemeinde«ص. Die Predigt findet aueh naeh Sehians Meinung per definitionem immer in einer ehrist- liehen Gemeinde und nicht vor Ungläubigen statt, was nicht bedeutet, daß diese Gemeinde besonders fromm sein muß. Vielmehr reicht es zur Konstitution einer Gemeinde aus, daß in ihr der Wille zum Christsein vorhanden ist. Die Predigt hat dann die Aufgabe, zur Überwindung der Unvollkommenheit der Gemeinde beizutragen^.

Die evangelistischen Prediger lobt Schian dafür, daß sie die Homile- tik mit Nachdruck darauf aufmerksam gemacht haben, daß eine Predigt nicht nur darstellen, sondern auch wirken und die Gemeinde in ihrer »Christenarbeit« fördern wllU^T Insbesondere Spurgeons Predigtrat- Schläge hält Schian für eine lehrreiche Lektüre, wiewohl er ihren unsyste- matischen Charakter rügt^L Den Vorwurf der mangelhaften Systematik bringen viele deutsche Theologen gegen Spurgeon vor. Sie vergessen zu- weilen, daß Spurgeons Ratschläge kein akademisch ambitionierter Trak- tat, sondern ein Kompendium von Predigtratschlägen sind. Auch Spur- geons Schrift »Die Kunst der Illustration« empfiehlt Schian seinen Lesern im Blick auf die sprachliche Gestaltung ihrer Predigten ausdrücklich^.

In seiner Breslauer Antrittsvorlesung vom 14. ^ l i 1906 macht Schian die moderne deutsche Lrweckungspredigt zum Thema, deren Wur- zeln er im Angelsächsischen ebenso wie in der religiösen Erweckung loka- hsiett, die im Gefolge der deutschen Freiheitskriege einsetzte. Wie Hering kritisiert Schian an den Erweckungspredigten vor allem, daß sie theolo- gisch dünn und basal daherkommen und keine theologischen Erkennt- nisse vertiefen^. Darüber hinaus haben ihre Bezugnahmen auf das Ge- bot Gottes Schian zufolge allein elenchtische und nie paränetische Funk- tion. Erweckungspredigten sind überdies zu sehr auf den Bekehrungs- erfolg fixiert. Schian definiert die deutsche Erweckungspredigt folgender- maßen:

Generalsuperintendenten für den Westsprenge؛ Liegnitz, 1928 wurde Schian zum Hono- rarprofessur in Breslau ernannt. 1933 für kurze Zeit amtsenthoben, schied er anschlie- ßend ganz aus dem kirchlichen Dienst aus. Am 11. 6. 194ه starb Schian in Breslau; vgl. Klaus-Gunther Wesseling, Art. Schian, Martin; BBKL 9, Sp. 185—191; zu Sehians Praktischer Theologie im allgemeinen vgl.: Jan fdermelink, Grganisation der volkskirch- liehen Gemeinde: Martin Schian; in: Christian Grethlein, Michael Meyer-Blanck (Hgg.), Geschichte der Praktischen Theologie. Dargestellt anhand ihrer Klassiker [Arbeiten zur Praktischen Theologie 12ل.Leipzig 02م ,s.279-330.

151 Martin Schian, Grundriß der Praktischen Theologie. Gießen 1922, s. 216.

152 Schian, Grundriß, s. 217.

153 Schian, Grundriß, s.219; dasselbe sagt Schian in seiner Breslauer Antrittsvorlesung:

Martin Schian, Die moderne deutsche Erweckungspredigt; ZThK 7 (1907), 235-269,

hier: S. 244 f.

154 Schian, Grundriß, s. 254.

155 Schian, Grundriß, s. 255.

156 Schian, Erweckungspredigt, s. 258.

262

Alexander Rir7-el

»An؛ den Gedanken, durch die Predigt lehren zu wnllen, kommt kein Erweckungspre- diger; das Gebiet der religiösen Erkenntnis bleibt nahezu ausgeschaltet. Ebensowenig findet die Erweckungspredigt Anlaß, einzelne Stücke der christlichen Sittlichkeit zum Zweck klarstellender Weisung zu erörtern; wo sittliche Dinge behandelt werden, ge- schieht es nur, um auf Sünde und Schuld hinzuweisen und so negativ die Seelen zur Bekehrung zu rüsten. Einzel؛ragen, die dem Denken oder dem sittlichen Handeln Schwierigkeiten bereiten, werden in der Erweckungspredigt nicht au؛gestellt; sie kennt nur ein Problem: wie Seelen zu Gott geführt werden können. Jst dieses Problem prak- ءأ«.tisch gelöst, so sind auch alle anderen Fragen gelöst

Die £TMeckungspredigt darf darum nicht zur einzigen Form der Ver- kündigung werden, weil die Christenmenschen, wie Schian betont, immer auch »Fdrderung in der religiösen Erkenntnis, Stärkung in schon lebendi- ص«ger sittlicher Kraft [und] freundliche T r ö s t u n g i n harter Lebensnot nötig haben. Das entscheidende Problem des niedrigen theologischen Ni- veaus der deutschen Erweckungsbewegung sieht Schian darin, daß es ein Aufnehmen und Reflektieren von Clfluhenszweifeln auf Seiten der Zuhö- rer nicht leisten kann und folglich den Zuhörern auch keine denkerischen Mittel zur Selbstseelsorge zur Verfügung stellt159. Schians Urteil ist ein- deutig: »Jn dieser Hinsicht engt die Erweckungspredigt die Gesamtauf- gäbe der ?redigt unverantwortlich ein«160. Die angelsächsische Erwek- kungspredigt behandelt Schian in seiner Antrittsvorlesung nicht näher. Angesichts der Sympathie, die er für Spurgeons Homiletik hegt, dürfte sein Urteil über ihn nicht allzu streng ausgefallen sein. Auffällig ist jedoch, daß auch bei Schian keine Bewunderung oder Faszination mehr für Spur- geon und seinen Predigterfolg zu spüren ist. Der Londoner Frediger wird als eine etablierte Gestalt der jüngsten Vergangenheit angeführt, seine Werke werden sachlich diskutiert und kritisiert, sein singulärer Erfolg aber wird nicht mehr hervorgehoben.

Je nach theologischem Standpunkt der Rezipienten fiel also das Echo unterschiedlich aus, das Spurgeon in der deutschen akademischen Theolo- gie des späten ول . und frühen 20. Jhs. fand. So lehnen auf der einen Seite die strengen SHeiermacheradepten Krause und Bassermann Spurgeons Predigtauffassung grundsätzlich ab, ohne jedoch seine Leistungen als Evangelisator und Erweckungsprediger in Frage und Abrede stellen zu wollen. Anders war der Befund bei Achelis, der homiletisch zwar von Schleiermacher herkommt, sich aber in pastoraltheologischer und funda- rom^homiletischer Hinsicht mit Spurgeon eins und verbunden weiß. Kleinert, Niebergall und Schian folgen Schleiermacher darin, daß eine Predigt per deflnitionem vor einer Versammlung von bereits mehr oder weniger gläubigen Zuhörern stattfindet. Daß die Verkündigung darum

.؛ 242 .Schian, Erweckungspredigt, s 157 158 Schian, Erweckungspredigt, s. 243 f. 159 Schian, Erweckungspredigt, s. 267. 160 Schian, Erweckungspredigt, s. 244.

Charles Haddon Spurgeon 263

rein darstellenden und in keiner Weise intent^nalen, d.ط. Glauben neu weekenden Charakter habe, bestreiten sie jedoch, wobei sie sich an dieser Stelle — zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt — wiederum auf Schleiermacher berufen. Daß es in puncto Intentionalität der kirchlichen Vekiindigung Berührungen mit Spurgeon gibt, erwähnen Kleinert und Schian, nicht aber Niebergall. Für diesen ist der englische Großprediger — ähnlich wie für Achelis —in erster Finie ein Beispiel dafür, daß jede noch so gute homiletische Anleitung nichts nützt, wenn der Frediger kein exi- stentielles Verhältnis zu dem hat, was er verkündet. Genau dieser Grund- satz findet sich in der Homiletik des weniger Schleiermacher, als mehr einer kerygmatischen Linie verpflichteten Hallenser Theologen Hering. Auch er schätzt Spurgeon als einen Prediger, der ganz hinter seiner Ver- kündigung steht. Theologisch stimmen Hering und Spurgeon außerdem darin überein, daß eine Predigt ex nihilo Glauben erwecken kann. Bei allen grundsätzlichen Übereinstimmungen mit Spurgeon meldet Hering in Einzelheiten freilich Kritik an.

Die Einsicht, daß jede echte Predigt auch einen missionarischen Im- petus haben sollte, dürfte spätestens seit Achelis communis opinio unter deutschen Predigttheoretikern gewesen sein, ob sie sich dabei nun auf Schleiermacher bezogen oder nicht. An Spurgeon und der Erweckungs- predigt im allgemeinen kritisieren viele, daß diese das missionarische Eie- ment einseitig betont. Gegenüber der Strengen Schleiermacherschule, die in der Predigt ausschließlich ein darstellendes Handeln erkennen will, sind Theologen wie Kleinert oder Schian der Meinung, daß Spurgeon und seine Kollegen gewissermaßen auf der anderen Seite vom Pferd fallen.

Bei ausnahmslos allen angeführten Theologen — von Krause bis Schian —standen Spurgeons Person und seine evangelisatorischen Lei- stungen in hervorragendem Ansehen. Selbst die größten Verächter seiner theologischen Anschauungen beeindruckte ganz offensichtlich das, was im Londoner Tabernacle geschehen war. Praktisch alle Theologen waren fasziniert von Spurgeons öffentlichem Erfolg. Im Laufe der Zeit geht diese Faszination jedoch zurück. Bei Niebergall und Schian findet sie sich kaum noch. Für sie ist Spurgeon nicht mehr in erster Linie eine homiletische Sonderbegabung, die einmalige Erfolge feierte, sondern ein akademischer Gesprächspartner, dessen theologisch-homiletische Positionen man sach- lieh diskutiert und kritisiert.

Viele der angeführten Theologen waren ausgesprochen angetan von der Lebendigkeit und Anschaulichkeit, die Spurgeons Predigten auszeich- nen. Allgemein galt er als ein Prediger, dessen Verkündigung nicht nur aufgrund der Tatsache, daß er ganz vom Evangelium Christi eingenom- men war, sondern auch aufgrund ihrer sprachlichen Gestalt wirksam und erfolgreich war. In der Tat war Spurgeon ein zwar nicht bekennender, aber doch praktizierender Meister der klassischen Rhetorik. Die meist eklektischen Ezugnahmen deutscher Theologen auf Spurgeons Schriften

264 Alexander Bitzel

waren darum sehwerpunkrmäßig ض Bereich der formalen Homiletik, bzw. der homiletischen Rhetorik zu finden.

Ganz selten führten deutsche Theologen Spurgeon als Gewährsmann für eigene theologische Positionen an. Dieser Umstand hängt zweifellos auch mit dem unsystematischen Charakter von Spurgeons Schriften zu- sammen, der ihrem Autor einen grüßeren Einfluß in der deutschen Uni- versitätstheologie seiner Zeit verbaut hat. Abgesehen von mangelnder dis- positioneller und theologischer Systematik waren es —wie im Eaufe der Untersuchung deutlich wurde —im wesentlichen zwei Faktoren, die Spur- geons Wirkung im kirchlich-akademischen Deutschland begrenzt haben: einmal der überragende Einfluß Schleiermachers und seiner Definition der ?redigt als ein den Heilsbesitz der Gemeinde darstellendes Handeln vor - mehr oder weniger —gläubigen Christen und zum anderen die spezifisch differente Einschätzung der kirchlichen Situation in Deutschland gegen- über derjenigen in England. Deutschland galt Theologen wie Krause und Bassermann als ein im Kern christliches Eand, in dem Erweckungspre- diäten nach Spurgeonscher Manier (noch) weitgehend fehl am Platze seien.

4.2. Das Zeitschriftenecho auf Spurgeons Schriften

Die Sichtung homiletischer Entwürfe ist sinnvollerweise zu ergänzen um einen Blick in theologische Zeitschriften, wenn man das Echo adäquat einschätzen möchte, das Spurgeon im deutschsprachigen Europa fand. Ist doch das Eesepubhkum faktisch-theologischer Hand- und Eehrbücher recht begrenzt - zumeist auf akademische Lehrer, Theologiestudenten und engagierte Pfarrer. Für Meinungen und Ansichten in der kirchlichen Öffentlichkeit sind Buchpublikationen nur bedingt repräsentativ. Zeit- Schriftenartikel und Bücherrezensionen sind in ihrer Breitenwirkung Mo- nographien überlegen und beeinflussen, bzw. umgekehrt: spiegeln Moden oder Publikumsvorlieben unmittelbarer als monographische Abhandlun- gen. Darum ist es unerläßlich, Spurgeons Zeitschriftenresonanz zu be- trachten.-Diese war —um es auf einen Nenner zu bringen - überwälti- gend. Die folgenden Ausführungen machen deutlich, daß Spurgeon das will^minische Deutschland als Prediger eroberte, daß er hier —zuweilen unabhängig vom akademischen Urteil —große publizistische Erfolge in der kir^i^-potestantischen Öffentlichkeit feiern konnte. Herangezo- gen werden im folgenden nicht nur Besprechungen der »Ratschläge für Prediger«, sondern auch solche, die Ausgaben von Spurgeons Predigten rezensieren. Der Untersuchungszeitraum ist sinnvollerweise auf die ]ahre 1870 bis 1 1 0 و zu begrenzen, auf die Zeit der intensivsten Rezeption und größten Popularität Spurgeons im deutschsprachigen p^esmntismus.

Zu Beginn der Zeitschriftenschau empfiehlt sich eine Differenzierung zwischen hochakademischen Periodika einerseits, jenen Zeitschriften, die

Charles Haddon Spurgeon 265

sich in erster Linie an p؛arrer und Seeisnrger richteten andererseits, und schließlich kirchlichen Publikumsblättern. Die erstgenannte Zeitschriften- kategnrie ist im Blick auf die kirchliche Öffentlichkeit ©hne Zweifel weni- ger einflußreich und repräsentativ als pnpuläre Kirchenzeitungen*^. Daß spurgenn in Kirchenzeitungen sowie in pastoraltheologischen Blättern auf die größte Resnnanz traf, hängt damit zusammen, bzw. läßt deutlich werden, daß er im deutschen Sprachraum vor allem als Prediger und we- niger als theologischer Denker bekannt und geschätzt wurde. Spurgeons Präsenz in hochakademischen, vornehmlich an wissenschaftlichen Dis- kussionen orientierten Zeitschriften war darum weniger ausgeprägt.

So erschien in der von Wilhelm Bussert herausgegebenen »Theologi- sehen Rundschau«, dem exklusivsten akademischen Organ der vorletzten Jahrhundertwende, in dessen Herausgebergremium alle großen Köpfe der damaligen deutschsprachigen Theologie versammelt waren, zwischen 1897 und 1905 lediglich eine Sammelrezension zu verschiedenen Spur- geonbüchern162. Der Rezensent j. Hans würdigt — in den Chor seiner Theologenkollegen einstimmend —Spurgeons evangelisatorische Leistun- gen und anerkennt sein besonderes Predigtcharisma. Gleichwohl bezwei- feit er, daß Spurgeons Predigten, die vor vielen Tausend Zuhörern gehal- ten wurden, ihren Lesern und Leserinnen besonders erbaulich sein wer- den, weil sie bei ihrer Verschriftung doch einiges an Faszination einbüßen. Die spezielle Art der Bekehrungspredigt ist zudem nicht jedermanns Sa- che, wie Hans bemerkt. Dieser grundsätzliche Einwand hindert Hans je- doch nicht daran, den Predigern unter seinen Lesern die Lektüre von Spurgeon wärmstens zu empfehlen, da »der deutsche Prediger [...] sehr zur Abstraktion und zum Ton des akademischen Vortrags neigt«ص. Im Blick auf die kirchliche Verkündigung läßt sich von Spurgeon viel lernen, vor allem was Lebendigkeit, Anschaulichkeit und Bilderreichtum der Ver- kündigung anbetrifft. Dieser Aspekt wird - wie bereits dargestellt - auch in zahlreichen homiletischen Lehrbüchern hervorgehoben. Worin Spurgeon dem deutschen Prediger Hans zufolge insbesondere ein Vorbild werden kann und solhe, ist die dem Engländer eigene Zuversicht, daß sein P r e d i g t w o r t v e r b u m efficax zu sein vermag. Hans schreibt: »Spur- geon aber gehört zu den Predigern, die mutig genug sind, etwas zu hoffen und darum auch fähig sind, etwas zu leisten« ^٩ Hans reiht sich damit ein in die Riege derjenigen deutschen Theologen, die in Spurgeon jene fundamentalhomiletische Grundeinsicht verkörpert sehen, daß ein Predi-

-؛Zum evangelishen Pressewesen (Publikumsblätter und Kirchenzeitungen) im wilhelmin 161 sehen Deutschland vgl.: Gnttfried Mehnert, Pvangelische Presse. Geschichte und Erschei- nungsbild von der Reformation bis zur Gegenwart [Evangelische Presseforschung 4]. Bie- lefeld 1983, s. 167-217.

.135-142 .s ,)و187/98( 1 j. Hans, C. H. Spurgeon; ThR ة2، 163 Hans, Spurgeon, s. 138.

164 Hans, Spurgeon, s. 136.

266 Alexander Bitzel

ger nur dann das Evangelium auf der Kanzel autoritativ verkündigen kann, wenn er von der Wahrheit desselben überzeugt ist. Der insgesamt positive Tenor der Rezension, die keinerlei Vorbehalte gegenüber dem nichtakademischen Autodidakten zu erkennen gibt, ist bemerkenswert. Die Bewunderung für Spurgeons Evangelisationsleistungen und die Hoch- achtung vor seinem Predigtcharisma waren im akademisch-theologischen Deutschland Ende des 19. Jhs. allgemein verbreitet.

Spurgeons Predigterfolge sind ohne Frage der entscheidende Grund dafür gewesen, daß ihm pastoraltheologische Zeitschriften, deren Publi- kum in erster Einie Pfarrer gewesen sind, besondere Aufmerksamkeit wid- meten. Mit Abstand das größte Echo fand Spurgeon in der Zeitschrift »Halte was du hast« (HWDH), die in großer Auflage seit 1878 erschien, zunächst von dem württembergischen Pfarrer Friedrich Oehler und dann lange Jahre von dem Bonner Professor und Konsistorialrat Eugen Sachsse^ herausgegeben wurde. ^W DH hatte sich u. a. dem Kampf ge- gen Ultramontanismus, Starren Konfessionalismus und Liberalismus ver- schrieben^. Nicht weniger als achtmal wurden Spurgeontexte zwischen 1878 und 1902 in dieser Zeitschrift besprochen, zum Teil in Sammelre- zensionen. Die Rezensionen in HWDH wurden zunächst von Friedrich Oehler und ab 1896 von Ernst Christian Achelis verfaßt^. 1893 veröf- fentlichte das Blatt einen ausführlichen Nachruf auf Spurgeon^. 1902 erschien in HWDH ein längerer Artikel über Spurgeons Buch »Die Kunst der Illustration«وئ . Durchweg wird in den Rezensionen die erfrischende Art der spurgeonpredigten gelobt und die wohltuende Andersartigkeit seiner Predigtauffassung gegenüber dem theoretischen Charakter der

165 Eugen Friedrich Ferdinand Sachs$e wurde am 20. 8. 183و in Köln gebnren als Snhn eines Fostbeamten. Das ^ymnasium be$uchte آء in Minden .und Elberfeld. Zum Thenlngiestu- dium bezng er die Universitüten Bonn und Berlin. Im Herbst 1861 legte Sachsse in Ko- blenz das examen pro licentia concionandi ab. Zwei Jahre später habilitierte er sich in Berlin. Er wurde zunächst Hilfsprediger in ^ o th o , 1864 Ffarradjunkt daselbst. 1871 wurde $achsse Ffarrer in Hamm, 1883 Leiter und 1. Frofessor des Herborner Predigerse- minars. Von dort berief man ihn 1890 auf den Lehrstuhl für Fraktisch’e Theologie nach Bonn. Dort starb er am 20. 12. 1917; vgl. Klaus-Gunther Wesseling, Art. Sachsse, Eugen Friedrich Ferdinand; BBKL 8, Sp. 1158 —1160.

166Vgl.FriedrichOehler,Waswirwollen;HWDH'l (1878),s.1—5,hier:s.3f.

167 Friedrich Oehler, Rez. Spurgeon, Die Botschaft des Heils. Flamburg 1877; HWDH 1 (1878), S. 479; Friedrich Oehler, Rez. Spurgeon, Vorlesungen in meinem Fredigersemi- nar. Hamburg 1878; HWDH 3 (1880), s.44 ff.؛ Friedrich Oehler, Rez. Spurgeon, Reden Daheim und Auswärts. Bonn, Gernsbach O.J.; HW DH 1883) ة), s. 188 f.; Ernst Chri- stian Achelis, Rez. Homiletische Literatur; HWDH 19 (1896), s.65-76; Ernst Christian Achelis, Rez. Homiletische Literatur; HWDH 20 (1897), s. 80-85, sowie: 128 f.; Ernst Christian Achelis, Rez. Homiletische Literatur; HWDH 22 (1899), s.82 ff.; Ernst Chri-

stian Achelis, Rez. Homiletische Literatur; HWDH 26 (1903), s. 138 ff.

168 Weinreich, C. H. Spurgeon; HWDH 16 (1893), s.355-369; 423-434; 462-472; 518-

.528

169 Hönnicke, Das Beispiel in der Fredigt. Eine homiletische Studie auf Grund von Spurgeon,

»Die Kunst derJllustration«; HWDH 25(1902),s.299-307.

Charles Haddon Spurgeon 267

deutschsprachigen Homiletik hervorgehoben. Mehrfach wird Spurgeon als sinnvolle, wenn nicht notwendige Ergänzung zu einem deutschen Pre- digtlehrbuch empfohlen. Spurgeon wird als ein großer Lehrer der Predigt- praxis präsentiert, in dessen Schule homiletische Lebendigkeit, sprachli- che Simplizität und auch eine gehörige Portion Humor gelernt werden können. Die große Sympathie, die Achelis für Spurgeon hegte, wird in seinen Rezensionen für HWDH besonders deutlich-

Finden sich in HWDH zuweilen euphorische Kommentare zu Spur- geons Schriften, so ist der Tenor in der »Zeitschrift für Praktische Theolo- gie« (ZPT) in den Jahren 1889—1898 etwas zurückhaltender*TM. Fast alle Rezensionen wurden von Paul Wurster verfaßt, welcher in jenen Jahren Stadtpfarrcr in Heilbronn war171. Sehr positiv und erfreulich findet auch Wurster Spurgeons lebendige Predigtweise. Wie die Rezensenten in HWDH hält er den Engländer für eine erfrischende und belebende Ergän- zung zu den abstrakt-theoretischen Predigtlehrbüchern deutscher Prove- nienz. Wurster schreibt: »Was die Form betrifft, so hat man die bei uns in homiletischen und ^storaLtheologischen Handbüchern leider nicht seltenen lahmen doktrinären Erörterungen bei einem Spurgeon nicht zu fürchten«*TM. An Spurgeons Predigtstil gefällt Wurster, daß er »nicht ein- förmig, nicht abstrakt, nicht dozjert, nicht ermüdend ist«173, überragend findet Wurster zudem Spurgeons Fähigkeit zur applicatio biblischer Texte auf die jeweilige Situation seiner Hörer174. Spurgeons Mahnung, jede Art der rhetorischen Effekthascherei zu meiden und immer zur Sache und auf der Höhe derselben zu sprechen, unterstützt Wurster vorbehaltlos*73. Die »Lectures to my students« empfiehlt Wurster als eine Predigtanleitung, wie man sie in deutschen Seminaren bedauerlicherweise nirgendwo be-

Hans, Rez. Spurgeon, Illustrationen und Meditationen oder Blumen aus dem Garten . لل°7 eines Puritaners. Hamburg 1888; ZPT 11 (188و), s.288 f.; Paul Wurster, Rez. Spurgeon, Die Kunst der Illustration. Heilbronn 1895؛ ZPT 17 (1895), s.370 f.; Paul Wurster, Rez. Spurgeon, Der Seelengewinner oder wie man Sünder zum Heiland führen soll. Heilbronn 1896; ZPT 18 (1896), s. 3 6 0؛f.; Paul Wurster, Rez. Spurgeon, £in Brunnen lebendigen Wassers. Zwölf ausgewählte Predigten. Heilbronn 1895; ZPT 19 (1897), s. 184 ff.؛ Paul Wur$ter, Rez. Spurgeon, unter seinen Studenten. Vorlesungen und Ansprachen. Heil- bronn 1897; ZPT 20 (1898), s.92 f.; Paul Wurster, Rez. Spurgeon, Federn und Pfeile oder Illustrationen für Prediger und Lehrer. Heilbronn 1897; ZPT 20 (1898), s.375 f.

־؛Paul Wurster wurde am 6. 12. 1860 in Hohenstaufen geboren, besuchte die theolog 171 sehen Seminare in Schöntal und Urach und studierte in Tübingen Theologie. Nach Arbeit in den philanthropischen Anstalten Gustav Werners wurde Wurster 1888 Stadtpfarrer in Heilbronn, 1903 Dekan in Blaubeuren. Im selben ]ahr ging er als Direktor des Prediger- seminars nach Friedberg/Hessen. 1907 wurde Wurster Ordinarius für Praktische Theolo- gie in Tübingen. In Tübingen starb er am 4.1. 1923; vgl.: DBE 10, s.600.

.360 .ZPT 18 (1896), s ؛Wur$ter, Rez. Spurgeon, Der Seelengewinnerاق7

173 Wurster, Rez. Spurgeon, Fin Brunnen lebendigen Wassers; ZPT 19 (1897), s. 185. .185 .Wurster, Rez. Spurgeon, Ein Brunnen lebendigen Wassers; ZPT 19 (1897), sل74 175 Wurster, Rez. Spurgeon, Der Seelengewinner; ZPT 18 (1896), s. 361.

268 Alexander Bitzel

kommen kann176. Gleichwohl kritisiert W u r s t e r seinen englischen Kolle- gen an einigen Stellen. So findet er den Umstand, daß es zur lebhaften und engagierten Verkündigung auch einer Naturbegabung bedarf, in Spurgeons Texten nicht adäquat zur Sprache gebracht177. Daneben mo- niert er die mangelnde Systematik in Spurgeons Schriften1^ , ein Vorwurf, der dem Engländer im gelehrten Deutschland wiederholt gemacht wurde. Ein weherer Kritikpunkt Wursters, der so bisher noch nicht aufgetaucht ist, lautet dahin, daß Spurgeons spezifische Art zu predigen dem deut- sehen Geschmack zuweilen anstößig, ja degutant erscheint. Wurster schreibt diesbezüglich 1895: »das Lachen der Zuhörer über sarkastische Predigtstellen mag Spurgeon verteidigen, ein deutscher Prediger schwer- lieh«7مولDeutscher Theologenernst und englischer Humor treffen hier in einer Weise aufeinander, die eine spezifische Mentalitätsdifferenz oder - negativ formuliert —einen gewissen Kulturdünkel auf Seiten des deut- sehen Theologen deutlich werden läßt. Zwei Jahre später freilich attestiert Wurster seinem englischen Kollegen —wenn auch posthum —, daß es ihm in seinen späteren Predigten mehr und mehr gelungen sei, Geschmacklo- sigkeiten zu vermeiden1^ .

In der »Monatsschrift für die kirchliche Praxis«, die 1901 das Erbe der ZPT antrat, rühmt auch Friedrich Niebergall Spurgeon als einen Mei- Ster der eindrücklichen und plastischen Predigt. Freilich muß man Nie- bergall zufolge Spurgeons Predigtratschläge sorgfältig in deutsche Ver- hältnisse übersetzen, wenn sie segensreiche Wirkungen entfalten sollen. Gänzlich meiden müsse man Spurgeons homiletische Exempelfreudigkeit. Niebergall schreibt hierzu: »Freilich sollte Spurgeons englischer spieen und wider den guten Geschmack verstossende Ausnutzung aller mögh- chen Beobachtungen nicht kopiert werden«^1. Niebergalls negatives Ge- schmacksurteil über Spurgeons Predigttveise ist weitaus schärfer als bei Wurster formuliert. Sein Kulturdünkel scheint noch größer gewesen zu sein als derjenige seines württembergischen Kollegen. Die Idee der überle- genheit der eigenen kulturellen Tradition war im akademischen Deutsch- land des frühen 20. Jhs. weit verbreitet und gab den Nährboden ab für ein übersteigertes kulturelles Sendungsbewußtsein, das im publizistisch- homiletischen Kriegseinsatz deutscher Professoren und Pfarrer gipfelte182.

176 Wurster, Rez. Spurge©n, unter seinen $tudenten; ZPT 20 (1898), s. 92.

177 Wurster, Rez. Spurge©n, Die Kunst der Illustration; ZPT 17 (1895), s. 371.

178 Wurster, Rez. Spurgeon, Die Kunst der Illustration; ZPT 17 (1895), s. 370.

179 Wurster, Rez. Spurgeon, Die Kunst der Illustration; ZPT 17 (1895), s. 371.

180 Wurster, Rez. Spurgeon, Ein Brunnen lebendigen Wassers; ZPT 19 (1897), s. 184.

181 Friedrich Niebergall, Rez. Spurgeon, Federn für Pfeile oder Illustrationen für Prediger

und Lehrer. Stuttgart O.J.; M SfkP2 (1902), s. 125.

182 Vgl.: Günter Brakehnann, Protestantische Kriegstheologie im Ersten Weltkrieg. Reinhold

Seeberg als Theologe des deutschen Imperialismus. Bielefeld 1974, vor allem: s. 73 ff.; Martin Greschat, Krieg und Kriegsbereitschaft im deutschen Protestantismus; in: ]ost Dülffer, Karl Noll (Hgg.), Bereit zum Krieg. Kriegsmentahräten im wilhelminischen Deutschland 1890-1914. Göttingen 1986, s. 33—55; Rüdiger vom Bruch, Krieg und

Charles Haddon Spurgeon 269

Auch Niebergall hat Anteil an diesen Irrungen und Wirrungen seines Standes. Bemerkenswert dabei ist freilich, daß Spurgeons vorgebliche Ge- schmacklosigkeit die Absatzchancen, die Verbreitung und ?opularität sei- ner Bücher in Deutschland in keiner Weise beeinträchtigt haben. Die Auf- lagen wurden allen Geschmacksvorbehalten seitens deutscher ?rofessoren zum Trotz immer zahlreicher. Das lesende Bublikum störte sich offenbar wenig an Spurgeons Eigenheiten und seinem zuweilen nicht ganz abzu- streitenden homiletischen Manierismus. Wahrscheinlich war der deutsche Geschmack realiter dem englischen gar nicht so unähnlich, was Nieber- gall entgangen sein dürfte. Seine Rezension in der »Monatsschrift für die kirchliche Praxis« jedenfalls läßt eine deutliche Distanz zu Spurgeon und seinen Predigten erkennen.

Viel freundlicher ist der Ton wieder in den »Pastoralblätter[n] für Homiletik, Katechetik und Seelsorge«. Vier Rezensionen im 1905er Jahr- gang der Zeitschrift empfehlen Spurgeon als eine homiletische Sonderbe- gabung, deren unzählige Predigten immer interessant und packend sind183. Ein Rezensent läßt sich gar zu der Klage hinreißen, daß er im Eaufe seines Studiums in Deutschland gerne einmal einen Predigtleh- rer wie Spurgeon getroffen hätte. Allein, kein einziges homiletisches Semi- nar wäre je so anregend gewesen wie Spurgeons »Lectures to my stu- dents« 184. In dieser Pointiertheit ist bisher die Klage über die Abstraktheit und Theorielastigkeit der deutschen Homiletik und Predigerausbildung noch nicht begegnet.

Die Klage über die Trockenheit sowohl der deutschen Predigerausbil- dung als auch der demscbsprachigen Predigt- und Homiletikliteratur fin- det sich in fast allen angeführten Rezensionen. Was die Rezensenten dem- entsprechend an Spurgeon besonders schätzen, ist die Frische und Plastizi- tät seiner Verkündigung. Ein weiteres Ergebnis der bisherigen Betrachtun- gen ist folgendes: Je stärker ein Autor in die praktische Verkündigungs- arbeit involviert ist, desto mehr schätzt er Spurgeons Predigttheorie und -praxis. Viele akademische Homiletiklehrer bemängeln hingegen Spur- geons Defizite in puncto Predigttheorie. Genau dieser־ Umstand macht den Engländer in ^stor^theologischen Blättern beliebt.

Frieden. Zur Frage der M!litar؛$ierung deutscher Ficchschullehrer und Universiräten im späten Kaiserreich; in: Jost Dülffer, Karl Holl (Hgg.), Bereit zum Krieg, s. 74—98؛ Kurt Flasch, Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Frste Welt- krieg. Berlin 2000; Gerd Krumeich, »Gott mit uns«? Der Erste Weltkrieg als Religions- krieg; in: Gerd Krumeich, Hartmut Lehmann (Hgg.), »Gott mit uns«, Nation, Religion und Gewalt im 19. und frühen 20. Jahrhundert [Veröffentlichungen des Max-Flanck- Instituts für Geschichte 162]. Göttingen 2000, s.273—283 (Lit.).

183 Fiebig, Rez. Spurgeon, Der Seelengewinner. Stuttgart 0 .j.; PBl 47 (1905), s. 394 f.; Hoff- mann, Rez. Spurgeon, Das Geheimnis unserer Kraft. 40 Ansprachen über und in Gebets- Versammlungen. Kassel O.J.; FBI 47 (1905), s. 395; Neuberg, Homiletische Rundschau; PBl 47 (1905), s. 475; Dillner, Homiletische Rundschau; PBl 47 (1905), s. 793 f.

184 Fiebig, Rez. Spurgeon, Der Seelengewinner; PBl 47 (1905), s. 394.

270 Alexander Bitzel

Was deutschen Pfarrern für ihre allsonntägliche Arbeit recht war, war der kirchlichen Öffentlichkeit billig. Die großen evangelischen Publi- kumszeitschriften legen ihren Lesern und Leserinnen allenthalben die Lektüre von Spurgeon ans Herz. So findet sich etwa 1 8 3 و in der »Christli- chen Welt«ص in der Rubrik »Für den Weihnachtstisch« die Empfehlung, seine Angehürigen in der heiligen Nacht mit Spurgeons Psalmenauslegun- gen zu erfreuen. Die Güte dieser Psalmeninterpretation vergleicht der Re- zensent gar mit der geistlichen Tiefe von Luthers Psalmenauslegungen^A Auch die »Allgemeine Ev^gehsch-Lutherische Kirchenzeitung«ص des Jahres 1896 empfiehlt verschiedene Spurgeonschriften als Weihnachtsge- schenke*؟®. Diese beiden Schlaglichter mögen genügen, um deutlich zu machen, daß sich Spurgeon unter evangelischen Christen einer großen Beliebtheit erfreute. Achehs’Verdacht, daß Spurgeons Liebhabergemeinde in Deutschland riesig sein muß, da sich anders die immer neuen und gro- ßen Auflagen seiner Texte nicht erklären ließen*؟؟, scheint also zutreffend gewesen zu sein. Dieser Befund zeigt, daß die Bedenken mancher Theolo- gen im Blick auf die Übertragbarkeit von spurgeonpredigten auf die kirchliche Situation im wilhelminischen Deutschland vorschnell waren. Das antienglische Kulturressentiment, das sich bei Wurster und Niebergall findet, fehlt in den kirchlichen Pubhkumsblättern - zumindest in bezug auf Spurgeon —ganz. Niebergall wurde freilich durch das Eiasko des ersten Weltkrieges, in dem das kulturelle Sendungsbewußtsein deutscher Intellektueller implodierte, von seinem Kulturdünkel kuriert. In seiner 1918 gedruckten Darstellung der Praktischen Theologie findet man keine despektierlichen Anmerkungen mehr zu Spurgeons Predigtstil. Die Kata- Strophe der akademischen Mobilmachung scheint Niebergall geläutert zu haben. Wurster nimmt seine Kritik an Spurgeons Predigten —wie er- wähnt - einige £eitsctaiftennummern später beteits zurück.

Der Rundgang durch deutsche Zeitschriften hat Spurgeons große Po- pularität im evangelischen Deutschland des wilhelminischen Zeitalters ge- zeigt. Alle Rezensenten loben die Anschaulichkeit von Spurgeons Sprache und klagen über die Abstraktheit und Theorielastigkeit der deutschen Ho- miletik und Predigerausbildung. Selbst akademische Predigtlehrer wie Achelis und Wurster stimmen in diesen Chor mit ein. Was in manchen Ho^letikbüchern - man denke nur an Hering - noch etwas verhalten erklang, tritt in vielen Rezensionen mit erstaunlicher Pointiertheit zutage, daß man nämlich in Spurgeons Schule eine packende und lebhafte Pre- digtsprache erlernen kann. Spurgeons Eriolgsgeheimnis bestand also

dieses Blatts vgl.: Mehnert, Bvangelische Presse, s.185f. .؛1177 .Für den Weihnachtstisch; cw 7 (1893), Sp

dieses Blatts vgl.: Mehnert, hvangelische Presse, s.183. (1896), Sp. 1193 f.

85 Zum Profil

86 R. Kolbing,

87 Zum Profil

88 AELKZ29

89 £rnst Christian Achelis, Rez. Homiletische Literatur; HW DH 26 (19ر3م, s. 139.

 CharJe$ Haddon Spurgeon 271

nicht darin, neue theolngische £insichten unters Volk zu bringen, sondern darin, hwechslungsreich, elementar, unterhaltsam und nicht zuletzt hu- morvoll Menschen mit dem Evangelium Christi vertraut zu machen.

Achelis’ Bemerkung über Spurgeons riesige Liebhabergemeinde im wil^lminischen Deutschland macht deutlich, daß Spurgeons Schriften teilweise unabhängig von ihrer akademischen Bewertung erfolgreich wa- ren und einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Volksfrömmig- keit jener Jahre hatten. Im Vergleich mit der Bedeutung, die Spurgeon in der kirchlichen Öffentlichkeit hatte, erscheinen die Spuren, die er in der akademischen Diskussion hinterlassen hat, als geradezu marginal. Daß Spurgeon aufgrund seiner großen Erfolge im Kirchenvolk —gewisserma- ßen sekundär - zu einem Gesprächspartner in der akademischen Debatte geworden sein kdnnte, ist aufgrund dieser Beobachtung nicht ganz auszu- schließen.

5. Schlußbetrachtung

So unterschiedlich das Echo auch war, das Spurgeon in der deut- sehen Theologie Ende des 19. und Anfang des 20. Jhs. fand, so groß war doch der allseitige Respekt vor seinen singulären Leistungen als ?rediger und Massenevangehsator. Als theologischer Denker nehmen ihn zwar nur wenige deutschsprachige Theologen wahr, ö h n e weiteres anerkennen aber alle, daß es sich bei Spurgeon um eine herausragende Gestalt der Predigtgeschichte handelt. Laut Alfred Krause war er einer der ganz weni- gen englischen Prediger des 19. Jhs., die in Deutschland wahrgenommen und geschätzt wurden. Spurgeon ist ohne Zweifel eine zentrale Figur der neueren deutsch-englischen Kirchengeschichte.

Spurgeons Homiletik wird von akademischen Theologen - durch- aus im Sinne ihres Verfassers —zumeist als Sammlung von nützlichen* Predigttipps gewürdigt. Für eine noch lehrreichere Lektüre hält man Spur- geons Predigten, weil sie gewissermaßen das deutsche Gemüt kurieren können von seiner Neigung zu Abstraktionen und Intellektualismen. Die lebhafte, abwechslungsreiche, humor- und temperamentvolle Art seiner Predigten waren demnach Spurgeons Erfolgsgeheimnis, nicht nur in der angelsächsischen, sondern auch in der deutschsprachigen Welt. Die Aus- führungen haben deutlich werden lassen, daß Spurgeon aufgrund seiner Predigtbegabung im populären Protestantismus eine ungleich größere Re- sonanz gefunden hat als im akademischen Bereich. Nicht ganz auszu- schließen ist, daß er erst aufgrund seines großen Erfolges in der kirchli- chen Öffentlichkeit in den akademischen Diskurs gelangte. Wahrschein- lieh reüssierte Spurgeon zunächst als Autor von Predigttraktaten. Durch diese Popularität wurde die akademisch-theologische Welt auf ihn auf- merksam, welche ihn dann den angehenden Predigern als exzellenten Leh­

 

272 Alexander Bitzel

rer einer lebendigen V e r k ü n d i g u n g empfahl, wodurch er, Spurgeon, wie- derum größere Resonanz im Kirchenvolk fand. Die Wechselwirkung zwi- sehen populärer und akademischer Rezeption der Schriften Spurgeons dürfte jedenfalls kompliziert und komplex sein.

Bei all dem darf nicht vergessen werden, daß Spurgeon ein bewußter und überzeugter Baptist gewesen ist, also ein Angehöriger einer kirchli- chen Tradition, die im evangelischen Deutschland seit der Reformation an den Rand gedrängt, verfolgt und - selbst im wilhelminischen Deutsch- land —alles andere als wohlgelitten war190, über Spurgeons konfessio- nelle Herkunft und Identität wußten die deutschsprachigen Rezipienten seiner Schriften wohl Bescheid. Der baptistische Hintergrund tat der Po- pularität des englischen Predigers jedoch keinen Abbruch. Das mag mit dem allmählichen Abschleifen der konfessionellen Profile der deutschen Landeskirchen infolge von Aufklärung, Neuprotestantismus und Erwek- kungsbewegung Zusammenhängen. Gleichwohl kann Spurgeon als ein herausragendes ökumenisches Breignis gesehen werden, wenn man sich die großen Vorbehalte und das starke Mißtrauen vergegenwärtigt, mit dem deutsche Landeskirchen und Theologen ihren baptistischen Mitchri- sten im wilhelminischen Reich begegneten. Ein englischer Baptist, der noch dazu mit der modernen Theologie auf Kriegsfuß Stand191, wurde demnach zu einem äußerst populären Autor in demjenigen Land, in wel- chem die Wiege der modernen Theologie Stand. Dieser Umstand macht einerseits auf eine merkwürdige heologiegesc^ichtliche Ungleichzeitigkeit aufmerksam und spricht andererseits für die Qualität dessen, was Spur- geon seinen Lesern und Leserinnen zu bieten hat. Die Untersuchung kehrt so wieder zu ihrem Anfang zurück, zu Helmut Thielicke und dessen Be- geisterung für einen englischen Prediger, der nicht nur zu Lebzeiten Men- sehen in den Bann Gottes schlagen konnte.

Abstract

Charles Haddon Spurgeon, whose theology and homiletics were rooted in the ?uritan tradition, was one o؛ the most successlul preachers 0 ؛ the Bnglish-speaking world. His view that a converted preacher is able to convert at least some of his listeners reflects his belief that the personal power of the preacher, not books or ideas, works on a congregation like a well-oiled machine. Spurgeon’s impressive and rhetorically sophisticated oratory won him

190 Vgl. Andrea Strübind, Die unfreie Freikirche. Der Bund der Baptistengemeinden im »Dritten Reich« [Historisch-Theologische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert 1!. Neu- kirchen-Vluyn 1991, s. 36 ff.

191 Vgl. Stallings Kruppa, Spurgeon, s. 362-403؛ Nicholls, Spurgeon, s. 147-160; zu Spur- geons Polemik speziell gegen die moderne deutsche Theologie des 19.Jhs. vgl.: Geduhn, Simplicitas, s. 33f.; Sluijs, Spurgeon, s. 162ff.

Charles Haddon Spurge©n 273

many ؛riends among German Protestants. In fact Spurgeon was a significant figure in recent £nglish-German church history؛ his sermons and tracts were often read and discussed in the late nineteenth and early twentieth century. However, relatively few academic theologians both admired the unique success and the entertaining language of Spurgeon’s preaching and also agreed with him on theological issues. Although his greatest impact was at the popular level, Spurgeon might well have become more prominent within academic discourse, based upon the success he enjoyed in popular German Protestantism. This success ought not to be underestimated: Popular church journals recommended Spurgeon’s writings as Christmas gifts and many pastoral periodicals considered him to he an excellent teacher of homiletics. Spurgeon doubtlessly owed his success in Germany to his unique talent to simplify the gospel in a most appealing way.

 مآورلم؛

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